Nach zwei Besuchen von „ATOS Conventions“ (Amerikanische Theater
Orgel Festivals), in Indianapolis im Jahre 1997 und in San
Francisco interessierte mich, was Amerika sonst noch auf diesem
Sektor zu bieten hat. Denn immer ein ganzes Jahr bis zum
nächsten Festival zu warten, das dauerte mir viel zu lange!
Welche Möglichkeiten gibt es nun also für die Zeit zwischen den
großen „ATOS Conventions“?
Die amerikanische Theaterorgel-Szene
Ich konnte ein kleineres, regionales Theaterorgel-Festival
ausfindig machen - in Cedar Rapids, das jeweils im Oktober
stattfindet. Aber um Himmels Willen, wo liegt denn dieses Cedar
Rapids? Ich habe mehrere Male die USA-Karte mit der Lupe
eingehend abgesucht, aber ich konnte es ohne Hilfe nicht finden.
Man erklärte mir, Cedar Rapids wäre ehemals eine Tschechische
Siedlung gewesen und sei heute eines der bedeutendsten Zentren
der Kornverarbeitung in den USA. Es liegt in ziemlich gerader
westlicher Linie ungefähr eine Flugstunde oder etwa 6
Autostunden von Chicago entfernt. Ich war sehr gespannt auf so
ein regionales Festival und habe mich angemeldet. Aber es gab
noch einen anderen Grund für meine rasche Entscheidung. In
meiner umfangreichen CD-Sammlung von Theaterorgel-Musik gibt es
eine mit dem Titel „CORN SILK“, übersetzt „Korn Seide“. Diese CD
gehört zu meinen absoluten Favoriten. Sie wurde im IOWA Theater
in Cedar Rapids aufgenommen, gespielt von Ron Rhode auf der
BARTON Orgel, welche für mein Ohr einen einzigartigen Sound hat.
Und was sah ich auf dem Festival Programm? Samstag, 17 Oktober:
Konzert mit Ron Rhode auf der IOWA Barton Orgel. Das war zu viel
des Guten; ich mußte dort hin und konnte es kaum mehr erwarten.
Die Amerikanischen Festivals sind meist mit sogenannten „Pre-Convention
Activity Tours“ und/oder „After-Glows“ verbunden, was heißt, daß
entweder vor oder nach dem Festival, für solche die Zeit und
Interesse haben, noch irgendwelche Touren und Konzerte
stattfinden, zum Teil sogar bei Privatbesitzern von
Theaterorgeln. Aber bei Cedar Rapids war so etwas nicht auf dem
Programm. Schade, denn so ein regionales Festival dauert nur
drei Tage, und wenn ich schon wieder so eine weite Distanz
reise, möchte ich doch noch etwas mehr davon haben. Also habe
ich mir überlegt, ob ich eventuell selbst etwas auf die Beine
stellen könnte. Ich entschloß mich, es zu versuchen. In diesem
Moment wußte ich noch gar nicht, worauf ich mich da eingelassen
hatte. Denn es blieben mir zwar zwischen dem Festival von San
Francisco im Juli noch zwei Monate bis zum Cedar Rapids
Festival, aber ich mußte bald feststellen, daß diese Zeit auch
wirklich notwendig war, um meine Pläne umzusetzen.
Es waren
schließlich zwei Monate harte Arbeit, unglaubliche Geduld aber
auch einiges an Hartnäckigkeit nötig. Während meiner
vorangegangenen Aufenthalte in Amerika stellte ich fest, daß
heute schon fast alle Amerikaner im Netz, d.h. über E-Mail
erreichbar sind, und so habe ich mich schnellstens auch auf
darauf eingerichtet. Und im nachhinein kann ich sagen, ohne
E-Mail hätte ich es wohl kaum geschafft. Aber mit dem Resultat
war ich sehr glücklich.
Es freut mich nun
außerordentlich, in sechs Folgeberichten über die einzelnen
Besuche und Erlebnisse im OKEY! schreiben zu können. Meine Ziele
waren sehr hoch gesteckt. Ich wollte bei der Anreise nach Cedar
Rapids möglichst viele bekannte Orgeln sehen, hören und wenn
möglich auch selbst spielen. Aber wie schafft man es, in großen
Theatern so als einfache Privatperson empfangen zu werden?
Natürlich mit gewissen Beziehungen, aber solche Beziehungen muß
man sich auch zuerst einmal erarbeiten. Zunächst habe ich es mit
verschiedenen Präsidenten von regionalen Theaterorgel-Clubs
versucht. Hier habe ich alles erlebt, von überhaupt nicht
kooperativ bis zu sehr kooperativ. Die meisten Türen hat mir
eine Frau, die Präsidentin der Detroiter Motor City Theatre
Organ Society, Dorothy van Steenkiste, eine absolute
Persönlichkeit in der amerikanischen Theaterorgel-Szene,
geöffnet. (Über diese wahrlich ungewöhnliche Begegnung werde ich
noch ausführlich berichten.) Aber selbst mit sehr kooperativen
Personen wie Dorothy van Steenkiste gab es doch noch eine
Unmenge von Problemen zu lösen.
Man muß sich vorstellen, daß
diese Personen selbst von einer Anzahl anderer Personen und
Umstände abhängig sind: Willigt die Theaterdirektion ein? Steht
das Theater zur gewünschten Zeit zur Verfügung, oder ist - wie
so oft - wegen Spezial-Vorstellungen die Orgelkonsole gar nicht
zugänglich. Hat das Theater überhaupt geöffnet? Dann gibt es bei
all diesen Theatern einen sogenannten „Curator“ der Orgel, also
die Person, welche für die Orgel verantwortlich ist und bei
allen Besuchen immer anwesend sein soll. Auch versuchte man für
mich - wenn immer möglich - einen Spieler zu organisieren. Also
bis etwas stand, ein anstrengendes hin und her. Stand einmal ein
Datum fest, paßten andere Daten mit anderen Orten nicht. Dazu
kam noch die Koordination der Reiseroute (unnötige Kilometer
vermeiden) und die Reservierung der Flüge und Mietautos. Sicher,
vielleicht wollte ich in den zur Verfügung stehenden zwei Wochen
auch zu viel sehen, denn mein Ziel waren 10 Orte ...
Das
schlimmste war, wenn einmal alles stand und dann von einem Ort
die Mitteilung kam: „-HALT-, wir haben festgestellt, daß das
Ihnen mitgeteilte Datum nicht klappt“ - wieder einiges
umstellen! Die Leute mußten mich für verrückt halten, und mein
Büro war fast wie ein Irrenhaus! Selbst in der letzten Nacht vor
der Abreise saß ich am Computer und mailte wie der Wilde über
den großen Teich, weil es immer noch ein paar Änderungen zu
bewältigen gab und definitive Antworten ausständig waren. Aber
wie schon erwähnt, ich habe es geschafft und konnte vor dem
Festival in Cedar Rapids folgende Besuche abstatten:
Philadelphia
Warenhaus „Lord and Taylor“, „Grand Court
Organ“
ehemals berühmt als die Wanamaker Orgel,
6 Manuale,
28.500 Pfeifen
Ocean Grove
Great Auditorium,
Hope Jones Opus Number One
Orgel, 4 Manuale, 9000 Pfeifen
Atlantic City
Convention Hall: größte Orgel der
Welt, 7 Manuale,
33.000 Pfeifen; im Ballroom: 4/56 * Kimball
Orgel
Detroit
Fox Theater: 4/36 Wurlitzer und
3/12 Moeller; Senat
Theater: 4/34 Wurlitzer; Redford Theater:
3/10 Barton
Grand Rapids
Van Andel Museum: 3/30
Wurlitzer
Milwaukee
Organ Piper Pizza Music
Pa-lace:
3/27 Kimball-Wurlitzer
Chicago
Chicago Theater: 4/29 Wurlitzer
Joliet
Rialto
Theater: 4/26 Barton
Cedar Rapids
Iowa Theater:
3/14 Barton; Paramount Theater:
3/12 Wurlitzer; Coe College:
4/58 Skinner
* Zur Erklärung: Die Abkürzung 4/56 bedeutet
4 Manuale und 56 Register.
Die Reise dauerte über 2
Wochen, begleitet wurde ich dabei von meiner Frau Pia, die zwar
kein ausgesprochener Orgelfan ist, aber die Orgelbesuche
schließlich auch als ein einmaliges Erlebnis empfunden hat.
In der nächsten OKEY! werde ich einiges über Philadelphia
und Ocean Grove berichten.