REPORTAGE 028

Nach zwei Besuchen von „ATOS Conventions“ (Amerikanische Theater Orgel Festivals), in Indianapolis im Jahre 1997 und in San Francisco interessierte mich, was Amerika sonst noch auf diesem Sektor zu bieten hat. Denn immer ein ganzes Jahr bis zum nächsten Festival zu warten, das dauerte mir viel zu lange! Welche Möglichkeiten gibt es nun also für die Zeit zwischen den großen „ATOS Conventions“?

Die amerikanische Theaterorgel-Szene

Ich konnte ein kleineres, regionales Theaterorgel-Festival ausfindig machen - in Cedar Rapids, das jeweils im Oktober stattfindet. Aber um Himmels Willen, wo liegt denn dieses Cedar Rapids? Ich habe mehrere Male die USA-Karte mit der Lupe eingehend abgesucht, aber ich konnte es ohne Hilfe nicht finden. Man erklärte mir, Cedar Rapids wäre ehemals eine Tschechische Siedlung gewesen und sei heute eines der bedeutendsten Zentren der Kornverarbeitung in den USA. Es liegt in ziemlich gerader westlicher Linie ungefähr eine Flugstunde oder etwa 6 Autostunden von Chicago entfernt. Ich war sehr gespannt auf so ein regionales Festival und habe mich angemeldet. Aber es gab noch einen anderen Grund für meine rasche Entscheidung. In meiner umfangreichen CD-Sammlung von Theaterorgel-Musik gibt es eine mit dem Titel „CORN SILK“, übersetzt „Korn Seide“. Diese CD gehört zu meinen absoluten Favoriten. Sie wurde im IOWA Theater in Cedar Rapids aufgenommen, gespielt von Ron Rhode auf der BARTON Orgel, welche für mein Ohr einen einzigartigen Sound hat. Und was sah ich auf dem Festival Programm? Samstag, 17 Oktober: Konzert mit Ron Rhode auf der IOWA Barton Orgel. Das war zu viel des Guten; ich mußte dort hin und konnte es kaum mehr erwarten.
Die Amerikanischen Festivals sind meist mit sogenannten „Pre-Convention Activity Tours“ und/oder „After-Glows“ verbunden, was heißt, daß entweder vor oder nach dem Festival, für solche die Zeit und Interesse haben, noch irgendwelche Touren und Konzerte stattfinden, zum Teil sogar bei Privatbesitzern von Theaterorgeln. Aber bei Cedar Rapids war so etwas nicht auf dem Programm. Schade, denn so ein regionales Festival dauert nur drei Tage, und wenn ich schon wieder so eine weite Distanz reise, möchte ich doch noch etwas mehr davon haben. Also habe ich mir überlegt, ob ich eventuell selbst etwas auf die Beine stellen könnte. Ich entschloß mich, es zu versuchen. In diesem Moment wußte ich noch gar nicht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Denn es blieben mir zwar zwischen dem Festival von San Francisco im Juli noch zwei Monate bis zum Cedar Rapids Festival, aber ich mußte bald feststellen, daß diese Zeit auch wirklich notwendig war, um meine Pläne umzusetzen.
Es waren schließlich zwei Monate harte Arbeit, unglaubliche Geduld aber auch einiges an Hartnäckigkeit nötig. Während meiner vorangegangenen Aufenthalte in Amerika stellte ich fest, daß heute schon fast alle Amerikaner im Netz, d.h. über E-Mail erreichbar sind, und so habe ich mich schnellstens auch auf darauf eingerichtet. Und im nachhinein kann ich sagen, ohne E-Mail hätte ich es wohl kaum geschafft. Aber mit dem Resultat war ich sehr glücklich.

Es freut mich nun außerordentlich, in sechs Folgeberichten über die einzelnen Besuche und Erlebnisse im OKEY! schreiben zu können. Meine Ziele waren sehr hoch gesteckt. Ich wollte bei der Anreise nach Cedar Rapids möglichst viele bekannte Orgeln sehen, hören und wenn möglich auch selbst spielen. Aber wie schafft man es, in großen Theatern so als einfache Privatperson empfangen zu werden? Natürlich mit gewissen Beziehungen, aber solche Beziehungen muß man sich auch zuerst einmal erarbeiten. Zunächst habe ich es mit verschiedenen Präsidenten von regionalen Theaterorgel-Clubs versucht. Hier habe ich alles erlebt, von überhaupt nicht kooperativ bis zu sehr kooperativ. Die meisten Türen hat mir eine Frau, die Präsidentin der Detroiter Motor City Theatre Organ Society, Dorothy van Steenkiste, eine absolute Persönlichkeit in der amerikanischen Theaterorgel-Szene, geöffnet. (Über diese wahrlich ungewöhnliche Begegnung werde ich noch ausführlich berichten.) Aber selbst mit sehr kooperativen Personen wie Dorothy van Steenkiste gab es doch noch eine Unmenge von Problemen zu lösen.
Man muß sich vorstellen, daß diese Personen selbst von einer Anzahl anderer Personen und Umstände abhängig sind: Willigt die Theaterdirektion ein? Steht das Theater zur gewünschten Zeit zur Verfügung, oder ist - wie so oft - wegen Spezial-Vorstellungen die Orgelkonsole gar nicht zugänglich. Hat das Theater überhaupt geöffnet? Dann gibt es bei all diesen Theatern einen sogenannten „Curator“ der Orgel, also die Person, welche für die Orgel verantwortlich ist und bei allen Besuchen immer anwesend sein soll. Auch versuchte man für mich - wenn immer möglich - einen Spieler zu organisieren. Also bis etwas stand, ein anstrengendes hin und her. Stand einmal ein Datum fest, paßten andere Daten mit anderen Orten nicht. Dazu kam noch die Koordination der Reiseroute (unnötige Kilometer vermeiden) und die Reservierung der Flüge und Mietautos. Sicher, vielleicht wollte ich in den zur Verfügung stehenden zwei Wochen auch zu viel sehen, denn mein Ziel waren 10 Orte ...
Das schlimmste war, wenn einmal alles stand und dann von einem Ort die Mitteilung kam: „-HALT-, wir haben festgestellt, daß das Ihnen mitgeteilte Datum nicht klappt“ - wieder einiges umstellen! Die Leute mußten mich für verrückt halten, und mein Büro war fast wie ein Irrenhaus! Selbst in der letzten Nacht vor der Abreise saß ich am Computer und mailte wie der Wilde über den großen Teich, weil es immer noch ein paar Änderungen zu bewältigen gab und definitive Antworten ausständig waren. Aber wie schon erwähnt, ich habe es geschafft und konnte vor dem Festival in Cedar Rapids folgende Besuche abstatten:

Philadelphia
Warenhaus „Lord and Taylor“, „Grand Court Organ“
ehemals berühmt als die Wanamaker Orgel,
6 Manuale, 28.500 Pfeifen

Ocean Grove
Great Auditorium, Hope Jones Opus Number One
Orgel, 4 Manuale, 9000 Pfeifen

Atlantic City
Convention Hall: größte Orgel der Welt, 7 Manuale,
33.000 Pfeifen; im Ballroom: 4/56 * Kimball Orgel

Detroit
Fox Theater: 4/36 Wurlitzer und 3/12 Moeller; Senat
Theater: 4/34 Wurlitzer; Redford Theater: 3/10 Barton

Grand Rapids
Van Andel Museum: 3/30 Wurlitzer

Milwaukee
Organ Piper Pizza Music Pa-lace:
3/27 Kimball-Wurlitzer

Chicago
Chicago Theater: 4/29 Wurlitzer

Joliet
Rialto Theater: 4/26 Barton

Cedar Rapids
Iowa Theater: 3/14 Barton; Paramount Theater:
3/12 Wurlitzer; Coe College: 4/58 Skinner

* Zur Erklärung: Die Abkürzung 4/56 bedeutet 4 Manuale und 56 Register.

Die Reise dauerte über 2 Wochen, begleitet wurde ich dabei von meiner Frau Pia, die zwar kein ausgesprochener Orgelfan ist, aber die Orgelbesuche schließlich auch als ein einmaliges Erlebnis empfunden hat.

In der nächsten OKEY! werde ich einiges über Philadelphia und Ocean Grove berichten.