REPORTAGE 029

 
 

Nachdem ich Ihnen in der letzten Ausgabe von OKEY! erzählt habe, wie es zu meiner ausgedehnten Reise durch die amerikanische Theaterorgel-Szene gekommen ist und was ich bei der Organisation meiner Tour alles erlebt habe, kann es diesmal gleich mit den ersten beiden Besuchen losgehen. Denn meine Reise brachte mich zunächst nach Philadelphia, die Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania im US-amerikanischen Osten, und führte mich dann weiter nach Ocean Grove in New Jersey.

Philadelphia Nach einem langen, aber ruhigen Flug kamen wir am frühen Nachmittag in Philadelphia an. Sofort nach Bezug unseres Hotelzimmers in der Stadt begaben wir uns zu Fuß zum renommierten Warenhaus „Lord & Taylor“, welches sich an der Market Street befindet. Das Gebäude ist schon von außen sehr beeindruckend - ganz im Stil, wie man um 1900 Geschäftshäuser in den USA baute. Nichts deutet aber daraufhin, daß es im Inneren eine Groß-Pfeifenorgel im Rahmen von über 28000 Pfeifen geben soll. Unglaublich, aber wahr! Es handelt sich dabei um „The Grand Court Organ“ wie die Orgel offiziell benannt wird, die aber eigentlich bekannter unter dem Namen „Wanamaker Organ“ ist, weil der Geschäftsmann John Wanamaker und sein Sohn Rodman diese Orgel, welche für die Weltausstellung 1904 in St. Louis gebaut wurde, am Ende der Ausstellung kauften und sie in deren Warenhaus in Philadelphia als große Attraktion einbauen ließen. Dazumal war die Orgel kleiner, aber sie wurde dann nach und nach ausgebaut zu einer Groß-Orgel von heute: 6 Manuale, 462 Stops und 28.815 Pfeifen. Dazu brauchte man auch eine neue Konsole, welche 1930 eingebaut wurde. Sie besteht aus sage und schreibe 100.000 Teilen und wiegt 2900 kg. Die Orgel gehört seit 1989 zu den „Historic Landmarks“. Das Erstaunlichste an dieser ganzen Sache ist, daß diese Orgel seit 1911 an jedem Öff-nungstag des Warenhauses gespielt wird. Über 80 Jahre! Tatsache! Die heutigen Spielzeiten sind Montag bis Samstag jeweils um 11.15 und 17.15 Uhr. Auch die neuen Besitzer des Warenhauses wollen ohne Einschränkung diese Tradition beibehalten. Wenn man bedenkt, wie viele Orgeln mangels Interesse in der Vergangenheit verschwunden sind, so kann man nur den Hut vor einer solchen Einstellung ziehen.

Nun, was meine Leser sicherlich auch interessiert: Was fühlt man bei so einer ungewöhnlichen Sache? Beim Betreten des Warenhauses sieht und fühlt man vorerst nichts Besonderes. Aber dann plötzlich: Man kommt in den eindrucksvollen Innenhof und sieht das Wunderwerk. Jetzt begreift man, wieso eine solche Mammut-Orgel in einem Warenhaus Platz hat. Dieser Hof ist so großzügig gestaltet, daß das Werk sowie seine Musik voll zur Geltung kommen. Vor dem Konzert waren wir die einzigen, die vor lauter Staunen Genickstarre bekamen und mußten daher annehmen, die meisten gegenwärtigen Besucher würden das Warenhaus bereits kennen. Denn sie gingen ganz normal ihren Einkäufen nach. Punkt 17.15 Uhr kam Wesley Parrott, einer der Hausorganisten, setzte sich an die majestätische Konsole und spielte gedämpft klassische Musik. Während seines Spieles setzten sich einige Leute rund um den Spieltisch im 1. Stock und schauten gespannt zu, wie der Artist mit so viel Bedienungselementen umgehen konnte. Von diesem balkonähnlichen Platz hatte man auch eine sehr gute Übersicht auf das, was sonst so im Warenhaus vor sich ging. Und wir konnten beobachten, wie sich das Verhalten der anwesenden Kunden änderte. Sie wurden vor allem leiser, gingen langsamer oder setzten sich irgendwo in Muse hin. Ob diese Musik verkaufsfördernd ist oder „nur“ Prestige, ist schwer zu beurteilen. Ich denke, es ist mehr Prestige, aber &Mac226;Was für ein Gefühl im Vergleich zu anderen ständigen und zum Teil eher lästigen Berieselungen von Musik in Geschäften’.
Zum Abschluß habe mich auch noch etwas mit dem Organisten über technische Probleme bei so einer Großorgel unterhalten. Er erklärte mir, diese Orgel werde sehr gut gepflegt, und die Register seien immer etwa zu 60 - 70% verfügbar. Im Moment „spucke“ aber die ganze „String Section“. Kurzum: Nicht nur eine Mammut-Orgel, sondern auch ein immer währender Mammut-Aufwand.

Ocean Grove Robert Hope-Jones, der kleine Engländer, eine Legende im Orgelbau und sicher den meisten Lesern bekannt, baute in den USA selbst Orgeln, bevor er von Wurlitzer angestellt wurde. Seine Innovationen im Orgelbau waren revolutionär, vor allem im Theater-Orgelbau. Immer wieder hörte ich von einer sensationellen „Hope-Jones Orgel Opus Number One“, und doch konnte mir niemand richtig sagen, wo sie sich genau befindet. Die Antwort war immer nur „New Jersey“, aber wo denn in New Jersey? Dieser Staat ist immerhin recht groß. Es brauchte viel, um herauszufinden, daß sie sich in einem sogenannten „Religious Retreat Camp“ in Ocean Grove am Atlantik befindet. Aber selbst auf guten Karten findet man kein Ocean Grove. Die Frage stellte sich echt: sollen wir wirklich dorthin reisen? Zum Glück hatten wir uns entschlossen, den Originalplänen treu zu bleiben, sonst hätten wir wirklich etwas verpaßt. So etwas Beeindruckendes haben wir noch selten gesehen. Nach 2 1/2 Stunden Autofahrt von Philadelphia, waren wir da. Ocean Grove, direkt am Atlantik, liegt zwischen zwei Seen, ist total in Privatbesitz und ist einfach mit nichts vergleichbar. Es gibt vielleicht keinen anderen Ort wo „Law and Order“ (Gesetz und Ordnung) so sichtlich eingehalten werden - und doch, wie wir später sehen sollten, alles andere als langweilig. Es handelt sich also um einen religiösen Ferienort, welcher 1869 gegründet wurde. Der ganze Ort ist extrem sauber, und die Häuser im Kolonial-Stil sind alle sehr nett geschmückt und höchstens zweistöckig. Was sofort auffällt, ist, daß die Straßen zum Meer breiter sind als weiter hinten. Grund: Jedem ist ein Blick aufs Meer gegönnt, nicht nur den vordersten Privilegierten! Und an dem wunderschönen langen Sandstrand wird jeglicher Freizeitbeschäftigung und Sport nachgegangen.
Mittelpunkt von Ocean Grove ist jedoch das Great Auditorium. Im Baustil ist es ein Mittelding zwischen Kirche und Tempel. Gebaut wurde es aber im Jahre 1894 zum Zweck von multikulturellen Veranstaltungen und ist mit 7000 Sitzplätzen ausgestattet. Ein wunderschöner und sehr beeindruckender Bau, ganz aus Holz und ohne eine einzige Stütze! Man vergleicht diesen Bau oft mit dem Mormonen-Tempel in Salt Lake City, weil die weltbekannte Akustik diesem Tempel nicht viel hinten nachsteht. Mikrophone und Verstärker kennt man in diesem Auditorium nicht. Jeden Redner kann man mit normaler Stimme am hintersten Sitz auch bei Vollbesetzung klar und deutlich hören. Das weiterhin Erstaunliche ist die Vielfalt der Aktivitäten in diesem Auditorium: selbstverständlich allerlei religiöse Veranstaltungen von verschiedenen Religionen, aber auch bekannte Wanderprediger; dann Konzerte aller Art, wie Symphonie, Gospel, Jazz, Big Band, Shows, Musicals, Theater, Opern, aber auch politische Veranstaltungen usw. Also, alles andere als ein eintöniger, langweiliger Ort.
Die Superlative schlechthin ist jedoch diese „Hope Jones Opus Num-ber One Orgel“. Hope Jones hat wirklich seine ganze Liebe in die Fertigung dieses Instrumentes eingebracht. Er wäre aber fast bankrott gegangen, weil er die Orgel als schlechter Kaufmann unter dem Einstandspreis angeboten hatte. Die heutige 4-Manual-Konsole ist nicht mehr das Original, welche Hope Jones im „Horse Shoe“ Stil baute. Auch ist die Orgel seither um einiges ausgebaut worden und ist heute mit 9000 Pfeifen ausgestattet. Als ich wissen wollte, zu wieviel Prozent diese Orgel spielbar sei, erwiderte man mir mit etwas Staunen: „Immer zu fast 100 Prozent natürlich“. Drei vollamtliche Pfleger würden sich das ganze Jahr dieser Orgel annehmen. Und Spendengelder scheinen in diesem religiösen Umfeld reichlich zu fließen!