REPORTAGE 030

 
 

Die Gambling Stadt der Ostküste, Atlantic City, ist vielleicht nicht so bekannt wie Las Vegas, aber fast genauso verrückt. So einem Rummel gehen wir im allgemeinen eher aus dem Weg. Aber was soll man machen, die größte Orgel der Welt (Guinness Buch der Rekorde) steht nun einmal an einem Ort der Superlative, wo alles Große noch größer sein soll. Und was wir dort an Gigantismus erlebt haben, ist fast unglaublich.

Wir fuhren eigentlich ein wenig auf gut Glück nach Atlantic City, denn die Sache schien uns nicht ganz sicher. Die Distanz von Ocean Grove war zum Gück sehr kurz - nur eineinhalb Autostunden - also versuchten wir es. Anfangs wurde uns nämlich von der Verwaltung, welche selbst nicht in Atlantic City ist, erklärt, die Convention Hall sei wegen großer Renovierungsarbeiten geschlossen. Nach mehrmaligem hin und her und viel Hartnäckigkeit wurde uns zögernd zugesichert, der Kurator der Orgel würde sich an dem von uns gewünschten Tag dort einfinden. Wir sollten ihn aber zwei Tage vorher noch privat anrufen. Doch unter dieser Telefonnummer gab es bis zum Vorabend unserer geplanten Anreise keine Anwort. Letztlich hatten wir aber doch Glück. Am Vorabend, etwas spät - aber doch - meldete sich schließlich Dennis McGurk und versicherte uns, er werde dort sein. Seine einzige Frage war lediglich, wieviel Zeit wir denn mitgebracht hätten. Sollte das etwa heißen: Hoffentlich wollt ihr nicht zu lange bleiben? Aber ganz im Gegenteil. Als wir vorsichtig meinten, wir würden uns so ungefähr zwei Stunden vorstellen, lachte er schallend und erklärte, unter mindestens 4 Stunden hätten wir keine Chance, die Orgel einigermaßen zu sehen. Kein Problem für uns, wir könnten den ganzen Tag bleiben, sofern er Zeit habe. Und die Besichtigung dauerte schließlich dann auch fast den ganzen Tag.

Punkt 9.00 Uhr standen wir am nächsten Morgen vor diesem Riesengebäude, genannt „Old Convention Hall“ (trotz des Gigantismus dieser Convention Hall wird nämlich bereits eine neue, noch größere gebaut). Es kamen zwei Herren auf uns zu. Der eine stellte sich als Dennis McGurk, Kurator der Orgeln, vor. Wie bitte, Orgeln in der Mehrzahl? Es stimmte, wie sich dann bald herausstellte. Der andere Herr war Dave Calendine, und niemand geringerer als einer der neun Hausorganisten vom Fox-Theater in Detroit. Das hätte uns fast umgehauen: Da hatten wir erst noch gezittert, ob es mit dem Besuch überhaupt klappen würde und jetzt war sogar noch ein renommierter Organist dabei! Die Situation hat sich dann rasch erklärt. Dave Calendine kann als Organist nicht genug verdienen und hat deshalb noch einen Job als Bus-Chauffeur. Er fährt fast wöchentlich mit Gamblern (Glücksspielern) von Detroit nach Atlantic City und hat dort meistens 1-2 Nächte Aufenthalt. Diese Zeit nützt er immer, um an die Orgeln der Convention Hall zu gehen. Unser Glück wollte, daß er gerade an diesem Tag anwesend war. Nun konnte die Besichtigung, die zu einem richtigen Erlebnis wurde, beginnen.

Dave wollte uns zunächst die Theater Orgel im Ballroom vorführen. Es war uns gar nicht bekannt, daß es eine solche gibt. Beim Eintreten in den Ballroom waren wir überwältigt: 5000 Sitze und eine 4/56 Kimball Theater Orgel. Aber leider ist das Instrument fast nicht mehr im Gebrauch. Denn, anstatt wie früher in den Ballroom zu gehen, um schöne Musik zu hören, sitzen die Leute heute lieber draußen auf den Bänken, um zu gaffen (Entschuldigen Sie den unschönen Ausdruck, aber ist einfach treffend!). Sie wollen nur noch in den Ballroom, wenn Bingo gespielt wird, dann aber ist der Saal randvoll. So wahnsinnig schade, denn diese Kimball klingt herrlich. Dave meint, sie hätte unter den Theater Orgeln die schönsten Strings.

Nun war der Kurator Dennis an der Reihe, uns den Rest des Gigantismus zu zeigen. Die Haupthalle hat sage und schreibe 25.000 Sitze (ohne eine einzige Stütze) und eine Riesenbühne. Wie wir hörten, wird diese Halle sehr vielfältig genutzt, eine echte Mehrzweckhalle: Fußballspiele, Eishockeyspiele, Opern, Wahlveranstaltungen, Treffen von Großfirmen und gigantische Feste - sogar mit Feuerwerk - bei denen als Attraktion ein paar Helikopter die in der Halle herumfliegen.

Im Mittelpunkt unseres Interesses stand aber die größte Orgel der Welt, die Midmer-Losh Orgel mit 7 Manualen und 33112 Pfeifen, und es waren mehrere Kilometer zu Fuß zurücklegen, um die ganze Installation dieses gigantischen Instruments zu durchwandern. Daß der Kurator dazu keinen Plan braucht, ist erstaunlich, denn so ein Labyrinth haben wir noch nie gesehen. Die Kammern sind fast rundherum im Gebäude verteilt. Es ging ständig treppauf und treppab, mit empfindlich quietschenden Warenaufzügen hinauf und hinunter und unzähligeGänge entlang. Um zu erkennen, ob wir da oder dort schon einmal vorbeigegangen waren, half nur der Umstand, daß in den Gängen allerlei Gegenstände deponiert waren, welche man wiedererkannte. Die Kammern sind im allgemeinen ordentlich gehalten und auch großzügig angelegt, aber trotzdem waren Leitern notwendig, um die ganze Installation der Großpfeifen überblicken zu können. Wir haben schon Installationen mit 32-Fuß-Pfeifen gesehen, aber bei dieser Orgel gibt es sogar 64-Fuß-Pfeifen, welche bis fast unter das Dach reichen. Ab und zu landeten wir in der Werkstatt des Kurators, welche aber mit einer Ansammlung von allerlei alten Apparaten mehr einem riesigen Trödlergeschäft glich als einer Werkstatt.
Irgendwann kam dann die Zeit, wo wir genug von der Besichtigung hatten, wir wollten noch etwas Musik hören. Dave Calendine setzte sich an die Orgel und spielte klassische Musik. Ein unwahrscheinliches Erlebnis. Wir standen auf der riesigen Bühne, welche anfing, zu vibrieren. Wir riefen Dave zu, er solle bitte die 64 Fuß einsetzen. Ob man die wohl noch wahrnehmen kann? Tatsächlich, in dieser riesigen Halle konnte man die Baßtöne nicht nur spüren, sondern auch noch hören. Nachdem diese Orgel keine eingebauten Tremulanten hat, wollten wir wissen, ob man darauf auch Theaterorgelmusik zum Besten bringen könne. Dave sagte „Kein Problem“, und ließ ein paar sehr rassige Stücke erklingen. Nun, es war Theaterorgelmusik, aber doch irgendwie anders.
Es war sehr nett, daß die beiden Herren ihre Zeit so großzügig uns zur Verfügung stellten, vor allem Dennis McGurk. Denn er hat mit dieser Mammut-Orgel doch alle Hände voll zu tun, ist er doch alleine, um den Unterhalt zu bewältigen, Als ich ihn fragte, zu wieviel Prozent diese Orgel im Durchschnitt spielbar sei, meinte er 50, wenn es gut geht 60%. Um so ein riesiges Ding auf 80-90 Prozent zu bringen, müßte er noch drei ständige Mitarbeiter haben.
Nach einem sehr ereignisreichen und interessanten Tag verabschiedeten wir uns von Dennis und Dave und sahen uns noch ein bißchen in Atlantic City um. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto zurück nach Philadelphia, um von dort per Flug nach Detroit zu gelangen. Dazu aber in der nächsten OKEY!-Ausgabe.