REPORTAGE 031

 
 

Aufgrund des alljährlich wohl wichtigsten Theaterorgel-Ereignisses, der ATOS Convention, die in diesem Jahr von 4. bis 7. Juli in London stattfand, möchte ich für diese OKEY!-Ausgabe meine Artikelserie über die amerikanische Theaterorgelszene unterbrechen. Die Fortsetzungen gibt es dann wieder ab dem nächstem Heft.

Die ATOS Convention 1999 in London

Etwa alle 10 Jahre findet diese „Convention“ (Amerikanisches Theater Orgel Festival) in England statt. Die „American Theatre Organisation“ besteht aus diversen sogenannten „Chapters“ (Sektionen), die über ganz USA verteilt sind. Aber auch außerhalb der USA, vor allem im englischen Sprachgebiet gibt es solche Chapters. Jedes Jahr übernimmt irgend ein Chapter die Organisation des Festivals. Dieses Jahr war London an der Reihe.

Die Vorgeschichte Erst war es meine Absicht - ähnlich wie für das Blackpool-Orgelfestival - eine Gruppenreise zu organisieren. Ich war überzeugt, daß wegen der Nähe von London einige Fans an diesem Theaterorgelfestival interessiert wären. Leider mußte ich aber bald meine Pläne abbrechen, denn es gab einige Restriktionen. Zum einen werden zu diesen Festivals nur ATOS-Mitglieder zugelassen. Dies wäre jedoch lösbar gewesen, indem für die Interessenten eine Mitgliedschaft beantragt worden wäre. Aber zum anderen war die Teilnehmerzahl auf leider total nur 300 begrenzt. Der Grund dafür war, daß in diversen Lokalitäten, wo die Konzerte stattfanden, nicht mehr Leute untergebracht werden können, so z.B. im Konzertstudio der BBC (British Broadcasting Corporation). Somit war klar, daß die langjährigen Mitglieder Vorrang hätten.

Mit nur 300 Teilnehmern war dies ein sehr kleines Festival in der ATOS Conventioin-Serie, denn in den USA sind es fast immer an die 1000 Teilnehmer. Doch die Veranstaltung wurde dem Sprichwort „Klein, aber fein“ voll gerecht. Auch die Orgeln in England sind im allgemeinen wesentlich kleiner als diejenigen in den USA. So findet man im Durchschnitt in England 10-15 Ranks Orgeln, in den USA jedoch meistens 20-30 Ranks. Größe heißt aber nicht immer besser, denn einige Orgeln in England klingen wirklich sehr gut.

Ein übervolles Programm Los ging es am Sonntagmorgen mit dem nur 18 Jahre alten Richard Hills, welcher bereits im Jahre 1993 als Gewinner des London Chapter Wettbewerbes „Young Theatre Organist of the Year“ war. Richard Hills war mir schon letztes Jahr am ATOS-Festival in San Francisco durch sein außerordentliches Talent aufgefallen. Seit diesem fulminanten Konzert kursiert das Gerücht, daß dieser junge Engländer den Stars das Fürchten lernt (siehe auch mein Bericht im OKEY 26), denn er beherrschte die 4/26 Wurlitzer im Paramount Theater wie ein Spielzeug. Sein London-Konzert fand an der 4/16 Wurlitzer im ehemaligen Gaumont State Theater Kilburn statt. Dieses Theater wurde damals viel zu groß gebaut und kann heute leider nur noch als Bingo Halle existieren. Die Theaterorgel-Installation blieb aber dank des großen Einsatzes des London Chapters erhalten, und so finden erfreulicherweise dort auch regelmäßig Konzerte statt.
Das Nachmittagskonzert fand im Konzertsaal der BBC statt. Der Präsident des London Chapters, Bill Davis, spielte auf der klassischen 4/33 Compton. Ja, Theaterorgel-Fans hören auch gerne mal ab und zu ein klassisches Konzert, vor allem auf einer Pfeifenorgel, welche speziell für klassische Musik gebaut wurde, wie diese Compton, und in einem Saal, in dem die Akustik wirklich hervorragend ist.
Der Sonntagabend in Woking war ganz dem Thema „Young Organists“ gewidmet. Das Unterhaltungskonzert an der 3/17 Wurlitzer wurde vom Gewinner des Wettbewerbs aus 1998, dem erst 17 Jahre jungen Ron Reseigh gespielt. Hervorragend! Sicher wird Ron Reseigh bald auf der Liste der gesuchten Konzert Organisten erscheinen. Anschließend fand der 1999er Wettbewerb statt. Schön, daß es immer wieder junge Leute gibt, die ihre Zukunft der Theaterorgel widmen, und es ist auch erstaunlich, welche Talente dabei auftreten.

Der Organist der am Montagmorgen auf der Bühne stand war um einige Jahrzehnte älter. Seine Karriere begann schon 1925! Aber welchen Elan und Humor dieser Mann auf die Bühne bringt! Dr. Arnold Loxam. Den Doktortitel hat er für seinen unermüdlichen Einsatz in der Unterhaltungsmusik in England erhalten. Sein Spiel ist leicht, sehr rhythmisch oder „bouncy“, wie man es auch nennen kann. Das Konzert fand auf der 4/10 Compton in Abindgdon statt.
Am Montagnachmittag stand ein Ausflug zum Blenheim Palace in der Nähe von Oxford auf dem Programm. Dieser sehr beeindruckende Palast wurde zwischen 1705 und 1722 für den Duke of Marlborough gebaut, als Anerkennung für seine gewonnene Schlacht in Blenheim und wird heute vom elften Duke of Marlborough bewohnt. Blenheim Palace war auch die Geburtsstätte von Winston Churchill. Die Bibliothek des Anwesens beherbergt eine wunderschöne Pfeifenorgel. Das Konzert darauf wurde von Thomas Trotter gespielt. Stühle gibt es in dieser Bibliothek keine, und so mußten wir uns einfach auf den Boden setzen - auch eine interessante Erfahrung.

Der Dienstag sollte der Höhepunkt der Veranstaltung werden. Am Morgen gab es ein Konzert im Odeon Kino am Leicester Square in London. An der 5/17 Compton spielte Hausorganist Donald McKenzie ein sehr schönes Konzert. Die Konsole dieser Compton zählt zu den pompösesten, die ich je gesehen habe und sehr wahrscheinlich besitzt sie die aufwendigste Leuchtmontur, die je um eine Orgelkonsole angebracht wurde, mit Lichteffekten wie in den guten alten „Juke Boxes“. Zudem hat diese Compton aber auch einen hervorragenden Klang und das Odeon Kino eine gute Akustik.
Am Nachmittag fand ein Konzert auf der 3/6 Compton in der Clayhall mit Michael Maine und Michael Wooldridge statt. Anschließend spielte John Mann im St. Albans Musikmuseum auf der 3/10 Wurlitzer sowie auf der 3/6 Rutt. Das St. Albans Musikmuseum beherbergt eine interessante Kollektion von eindrucksvollen Jahrmarktsorgeln. Erstaunlich, daß sich dort gleich zwei Theaterorgeln befinden.
Die größte je gebaute Compton Orgel befindet sich in der Guildhall in Southampton und besitzt eine Doppelkonsole (!). Links von der Bühne steht die Theaterorgel-Konsole mit 30 Ranks und rechts steht die Klassische Orgelkonsole mit 50 Ranks. Diese Konstellation ist wohl ziemlich einmalig. Der englische Spieler David Shepherd gab das Mittwochmorgen Konzert und spielte abwechslungsweise auf beiden Konsolen. Auf dem Programm war auch ein Konzert von Douglas Reeve, welcher aber wegen Krankheit absagen mußte. Inzwischen habe ich erfahren, daß Douglas Reeve leider schon wenige Tage später, am 18. Juli, verstorben ist. Für die Engländer war er Mr. Brighton, hat er doch 1932 seine Karriere dort begonnen und war in all den Jahren auch meistens in Brighton zu sehen und zu hören.
Das London-Chapter der ATOS ist Besitzer der 4/25 Wurlitzer in Woking. Len Rawle gab hier das Abschiedskonzert. Die Begeisterung der Zuhörer war enorm. Len hat sein Bestes gegeben und sein Konzert war phantastisch. Len Rawle war übrigens auch verantwortlich für die ganze Organisation des Festivals. Man konnte ihm die Erleichterung ansehen, daß alles so gut gelaufen war. Ein schönes Festival. Nächstes Jahr wird diese Convention Ende Juli wieder in den USA stattfinden und zwar in Milwaukee im Staate Wisconsin am Ufer des „Lake Michigan“.

Kollegentreffen Ich war besonders erfreut, an einem Theaterorgel-Festival auch einmal deutschsprachige Teilnehmer anzutreffen. Hans Vollmerg aus Hamm, Ralph Krampen aus Brey (bei Koblenz) und Fritz Gleich, ein lebenslustiger Bayer aus München, hatten ebenfalls am Festival in London teilgenommen. Die beiden Herren, Vollmerg und Krampen, wollte ich übrigens schon seit langer Zeit in Deutschland besuchen, denn beide haben nicht nur eine eigene Theaterorgel, sondern verfügen auch über Konzertsäle und organisieren Konzerte mit Topspielern aus verschiedenen Ländern - eben Orgelenthu-siasten, welche nebst ihrer eigenen Freude am Hobby auch etwas für die Szene tun.