Nun habe ich bereits in den vorangegangenen Ausgaben über meine Erlebnisse während meiner Reise durch die amerikanische Theaterorgel-Szene in Philadelphia, Ocean Grove und Atlantic City berichtet. Diesmal folgt eine ausführliche Darstellung der Szene in Detroit (Michigan).
Erinnern Sie sich noch an den Namen Dorothy van Steenkiste, diesen habe ich in meiner Einführung zu dieser Artikelserie schon mal erwähnt. Sie ist Präsidentin der Motor City Theatre Organ Society. In Detroit gibt es zwei Theaterorgel-Organisationen, wobei die zweite Detroit Theater Organ Society heißt - übrigens der einzige Club in Amerika, der Theater und nicht Theatre schreibt! Beide haben etwa 200 Mitglieder. Eigentlich konkurrieren diese beiden Clubs, aber die Persönlichkeit von Dorothy van Steenkiste hält die Sache in einem vernünftigen Rahmen. Sie ist vielleicht einer der engagiertesten Theaterorgel-Fans in den USA. Man kann sagen, sie lebt für die Theaterorgel.
Dorothy war mir vorher nur durch diverse Berichte in den Theaterorgel-Zeitschriften bekannt. Sie ist natürlich im Verwaltungsrat der ATOS (American Theatre Organ Society), hat das Departement Förderung junger Artisten inne und ist auch in der Jury. Also kontaktierte ich Dorothy mit der leisen Anfrage, ob sie mir helfen könnte, ins Fox-Theater von Detroit zu gelangen und an die Orgel heranzukommen - seit langer Zeit einer meiner ganz großen Wünsche! Sie antwortete, daß sie mir gerne helfen würde, aber zur gewünschten Zeit sei ein sehr großes Musical auf der Bühne und es bestehe deshalb kein Zugang zur Orgelkonsole. Nach Anfrage, wann die letzte Musicalaufführung sei, teilte sie mir mit: Sonntag, 11. Oktober. Was sich nun anbahnte, brachte mich immer wieder zum Staunen. Um die Sache etwas abgekürzt zu schildern, führe ich es in Form von Frage und Antwort auf: Also, könnte ich dann vielleicht am Montag hingehen? Kaum! Wieso? Abräumarbeiten! Sind diese Arbeiten vielleicht am Nachmittag beendet? Ja, sehr wahrscheinlich schon, aber um die Konsole auf die Bühne zu bringen, benötigt man vier Arbeiter, um die Bühnenabdeckung weg zu heben und es sei noch ungewiß, ob diese Arbeiter anwesend sein werden. Ich bin bereit, das Risiko einzugehen. Beim jetzigen Stand der Dinge würde ich schon am Samstag in Detroit ankommen. Was für ein Musical läuft im Fox? Lord of the Dances! Könnte ich für Sonntag noch zwei Karten kriegen? Alles ausverkauft, aber keine Sorge, ich werde mit dem Management reden. Ferner hätte ich gesehen, daß es in Detroit noch zwei Theater mit Theaterorgeln gäbe, das Redford und das Senat, welche ich während des Wochenendes auch gerne besuchen würde. Kein Problem! Und was könnten wir in Detroit noch am Samstag Nachmittag machen? Ins Henry Ford Museum gehen. Und wie kommen wir dahin? Ganz einfach, sie werden von mir am Flughafen abgeholt und über das ganze Wochenende herumchauffiert. Was soll ich für ein Hotel reservieren? Sie werde das schon besorgen und auch noch zu einem Sonderpreis, kam zur Antwort.
Von einer leisen Anfrage um Hilfe, damit ich Einlaß ins Fox-Theater bekomme, hat sich ein vollbeschäftigtes Wochenende mit ständiger Begleitung entwickelt! So eine hilfsbereite Person ist mir noch nie begegnet. Dabei ist Dorothy van Steenkiste nicht nur eine engagierte Theaterorgel-Förderin, sondern auch noch eine leidenschaftliche Golferin. Also alles andere als unterbeschäftigt.
Beim Ablauf des ganzen Programms gab es noch einiges mehr zum Staunen. Dorothy hat wirklich alles im Griff. Sie holte uns wie abgemacht mit einer blauen Masche am Arm als Erkennungszeichen am Flughafen ab. Ihr Mann Ray, ein eingewanderter Belgier - wie sein Familienname verrät - saß im Auto direkt vor der Ausgangstür, damit wir ja keine Zeit verlieren. Es herrschte sofort eine fröhliche Stimmung unter uns Vieren. Wir wurden zum Hotel geführt, um das Gebäck abzuladen und uns zu erfrischen, und unverzüglich brachten uns Dorothy und Ray ins Ford-Museum. Sie würden uns Ende Nachmittag wieder abholen und dann zum Redford Theater fahren. Der Besuch im Ford-Museum war sehr interessant und wirklich lohnenswert.
Redford Theater Wir staunten nicht schlecht, als wir in Redford eintrafen. Vom ganzen Stab des Theaters wurden wir königlich empfangen. Während drinks und snacks wurde uns erklärt, dieses 1928 erbaute Theater wäre von den Fans von der Motor City Theatre Organ Society im Jahre 1977 gekauft und damit vor einem bevorstehenden Abbruch gerettet worden. Und wer führt das Zepter? Natürlich Dorothy. Sie hat sich mit einer enormen Fund Raising Campaign (Spendensammlung) für den Kauf und die Restauration komplett engagiert, bis zum letzten Dollar. Und seither arbeiten sie und ihr ganzer Stab ohne jeglichen Lohn. Dorothy hat es unter den 200 Mitgliedern des Clubs verstanden, um sich eine ganze Gruppe von qualifizierten und unglaublich engagierten Mithelfern zu scharen. Sie waren alle anwesend, um die Besucher aus der Schweiz zu empfangen. Türöffner, Kassier, Platzanweiser, Programmverkäufer, Filmoperateur, Organist, Kioskbetreuerin, Sicherheitszuständiger, alles, was es für eine Filmvorführung oder ein Konzert gebraucht wird. Jeder einzelne war äußerst stolz, uns seine Arbeit zu erklären. Sogar die Kioskbetreuerin wollte uns unbedingt zeigen, wie sie Popcorn selbst jedesmal frisch macht. Aber auch Maler, Tapezierer, Gipser, Teppichleger, Schreiner, Putzleute usw. waren anwesend. Handwerker hätten in einem so großen Theater (1900 Sitzplätze) ständig etwas zu tun, sogar alte Fresken auszubessern und neu zu bemalen. Dieser unentgeltliche Einsatz aller Mitarbeiter ist beispielhaft und führt vielleicht gerade deswegen zu deren ständig guter Laune. An diesem Abend stand der sehr amüsante Film The Pink Panther mit Peter Sellers und David Niven auf dem Programm, und natürlich wurde wie dazumal von Organist Steven Wall vor der Vorstellung, in der Pause sowie am Ende die Theaterorgel gespielt. Das Theater war zu 3/4 besetzt.
Doch schlußendlich noch etwas zur Orgel. Obwohl unter den amerikanischen Theater Orgeln die Barton im Redford mit ihren 10 Registern eher zu den kleinen gehört, füllt sie das Theater ausgezeichnet. Wie schon in früheren Artikeln erwähnt, haben die Barton Orgeln einen wirklich eigenen, sehr gepflegten Sound und gefallen mir persönlich besonders gut. Nach der Abendvorstellung haben noch ein paar Mitglieder auf der Orgel gespielt und ich kam auch noch dazu. Die Orgel wird auch für Unterricht zur Verfügung gestellt.
Senat Theater Am Sonntag hatten wir die Gelegenheit, das Senat Theater mit seiner wunderschönen, im Maya Stil erbauten 4/34 Mighty Wurlitzer Theater Orgel zu besuchen. Auch hier sind sehr engagierte Leute der Detroit Theater Organ Society am Werk. Dieser Orgelclub verdankt sein Entstehen eben dieser Orgel, welche nach dem Umbau des Fisher Theaters in Detroit im Jahre 1960 kein neues Heim hatte. George Orbits, ein Privatmann und Theaterorgel-Fan kaufte diese Orgel. Seine Absicht war, diese in seinem Heim zu installieren; mußte aber bald feststellen, daß dieses Monster nie Platz hätte. Ich kenne diese Situation nur zu gut, denn wie oft hätte ich gerne, bei unwahrscheinlich günstigen Gelegenheiten welche es wirklich gibt, eine echte Pfeifenorgel gekauft. Aber als Realist mußte ich mir immer wieder sagen, das Platzproblem ist doch unlösbar. George Orbits suchte weitere Fans, um mit ihnen gemeinsam eine Lösung zu finden; und so entstand die Detroit Theater Organ Society - wiederum eine ganze Anzahl von sehr engagierten Leuten, welchen es gelang, ein Theater vor dem Abbruch zu retten, zu renovieren und ihm wieder den Glanz der vergangenen Jahre zurückzugeben.
Zu unserem Besuch im Senat-Theater fanden sich einige sehr gute Spieler vom Club ein und wir konnten stundenlang diese Mighty Wurlitzer genießen.
Fox Theater Nun kam der Sonntagabend, und wir waren äußerst gespannt, zu erfahren, ob wir für das inzwischen weltbekannte Musical Lord of the Dances Plätze kriegen würden. Dorothy sagte nur, keine Panik, ihr werdet schon sehen. Sehr früh fanden wir uns im nebenliegenden Restaurant zum Abendessen ein. Wir waren kaum fertig, kam ein sehr netter Herr an unseren Tisch und begrüßte uns herzlich. Gregg Bellamy, der Direktor vom Fox-Theater! Nicht nur hätte er für uns die schönsten Plätze für diese letzte Abendvorstellung - so ein paar Plätze, die er jeweils für VIPs zurückbehält - sondern er würde sich auch die Zeit nehmen, uns das Theater ganz zu zeigen. Wahnsinn: VIPs, wir wanderten zwei Köpfe größer im Theater herum ... Die Führung war wirklich komplett bis hinter die Kulissen. Das 5200 Sitze große Movie Palace, wie es einst von den Erbauern genannt wurde, ist sehr opulent dekoriert und hinterläßt einen gewaltigen Eindruck - übrigens das größte Movie Palace in den USA. Im Mezzanin (Zwischenstock) sahen wir etwas für uns ganz Unbekanntes in einem Theater: über hundert Leute, welche beim Abendessen waren. Ja tatsächlich, Auswahl: Menus, Buffets! Es ging zu wie in einer Brasserie in Paris. Das Theater vermietet ganzjährig an Firmen seine ca. 20 Logen mit Verpflegung vor den Shows. Das Fox-Theater ist heute wieder profitabel und macht allgemein den Eindruck, ausgezeichnet geführt zu werden. Ungefähr 70 Shows finden pro Jahr statt, was unheimlich viel ist. Das Fox wurde im Jahre 1928 für $ 8,500.000 erbaut und 1988 von Pizzakönig Michael Illitsch (108 Millionen Pizzas im Jahr 1977), Sohn eines Einwanderers aus Mazedonien, vor dem Abbruch gerettet und für $ 11,000.000 renoviert.
Wir hatten genügend Zeit, uns alles anzusehen. Hinter der Bühne neben den Umkleidekabinen ist eine kleine Hall of Fame. Sozusagen alle, die je im Fox auf der Bühne standen sind mit Autogrammen an den Wänden verewigt. Nun öffneten sich auch die Türen für die normalen Theater-Besucher. Im Foyer erklang die natürlich etwas kleinere Theaterorgel, eine Moeller 3/12, was unmittelbar für eine tolle Stimmung sorgte. Unwahrscheinlich, wie schnell schöne Theaterorgelmusik die Leute in gute Laune versetzt. Zum Musical Lord of the Dances selbst gibt es nicht genügend treffende Worte, um es gebührend zu beschreiben: einfach sensationell, die beste Show, die ich je gesehen habe.
Montag Morgen, ab Frühstück bis Mittag saß ich wirklich auf Nadeln. Klappt es oder klappt es nicht? Gregg, der Direktor des Theaters hatte am Vorabend wohl gesagt, er werde alles daran setzen, damit die 4/36 Fox Special Mighty Wurlitzer am nächsten Tag zur Verfügung steht, versprechen könne er jedoch nichts. Aber wen wundert es noch bei so viel Überraschungen, daß nicht nur die Konsole spielbar bereit stand, das Theater in voller Beleuchtung war und einer der 9 (!) Hausorganisten, Steve Schlesing, bereits auf uns wartete, um uns die Orgel vorzuführen. Wird er mich wohl auch an dieses Heiligtum heranlassen? Nicht nur das, sondern er fuhr mit mir mit dem Orgellift ganze zwei Stockwerke hinunter und ließ mich dann wie die Stars im gezielten Scheinwerferlicht alleine und spielend im langsamen Tempo - wie das so üblich ist - hinauffahren. Ah, was für ein Gefühl! Erstaunlich ist, daß man trotz des enormen Volumens dieser Orgel sich ganz unten fast nicht spielen hört. Aber mit jedem gewonnenen Meter wird es beeindruckender. Was für ein Gefühl, ganz oben auf der Bühne zu spielen. Ich ließ mir etwas Zeit mit diesem Vergnügen und spielte trotz Anwesenheit von Artisten mutig weiter. Als ich aufhörte, erhallte hinter mir ein Applaus von etwa 30 Personen; eine geführte Gruppe war gerade am Überschreiten der Bühne und hielt sich bei meiner Musik etwas auf. Ich kann nur hoffen, den Leuten wurde erklärt, daß es im Fox sonst bessere Musik gibt ...
Ein Detroit-Fazit
Dorothy, was hast Du für uns für ein einmaliges, unvergeßliches Wochenende in Detroit organisiert. Wir wollten daher gerne auch einiges für Dorothy tun. Als wir uns nach ihren Wünschen erkundigten, erklärte sie uns, sie sammle für ihren Neffen Briefmarken. Wir sind bereits eifrig am Sammeln. Hat jemand von den OKEY!-Lesern Briefmarken, die er nicht braucht? Wir leiten sie gerne an die unvergeßliche Dorothy weiter (bitte senden an: Joe Bechter, Imfeldstr. 89, CH-8037 Zürich).