Hatte ich in der letzten OKEY!-Ausgabe über das unvergessliche Wochenende in Detroit berichtet,
so führt uns unsere Reise durch die amerikanische Theaterorgel-Szene diesmal weiter nach
Grand Rapids (Michigan) und Milwaukee (Wisconsin).
Unmittelbar nach den Ereignissen in und um das Fox-Theater in Detroit übernahmen wir einen Mietwagen, um nach Grand Rapids, einem Ort nördlich von Chicago, zu reisen. Wir wollten noch vor Eintreffen der Dunkelheit unser reserviertes Hotel finden. Zum Glück hatten wir genügend Zeit eingeplant, denn es war wirklich nicht einfach. Die zahlreichen Umfahrungen von Grand Rapids waren sehr verwirrend.
Van Andel Museum Grand Rapids ist übrigens das Möbel-Mekka der USA. Der größte Teil von US-Möbeln wird in dieser Gegend hergestellt. Freilich hatten wir keine Absicht, Möbel zu kaufen, also, wieso ging es dann nach Grand Rapids? Natürlich konnte es sich nur um eine Theaterorgel handeln. Während des Festivals in San Francisco hielt ich mich oft in der umfangreichen Ausstellung von Marion Flint über Theaterorgeln auf (siehe mein Bericht in OKEY! 26) und bin dabei auf die große 3/30 Wurlitzer gestoßen, welche im Van Andel Museum in Grand Rapids untergebracht ist. Und eine Theaterorgel in einem Museum zu besuchen, ist doch mal etwas anderes. Ich wollte natürlich wissen, ob diese Orgel nur ausgestellt ist, oder ob sie auch aktiv sei. Als ich die Information erhielt, es handle sich um eine außergewöhnliche Orgel und werde auch jeden Tag gespielt, war für mich klar, daß ich die nächste Gelegenheit nutzen wollte, um nach Grand Rapids zu fahren.
Empfangen wurden wir im Museum von einem Mitglied der Direktion und dem Organisten Bev Howerton. Der Raum mit 256 Sitzplätzen, in dem die Orgel untergebracht ist, heißt Meijer-Theater. Die Wurlitzer wurde 1928 für das Stanley-Theater in Jersey City gebaut. Als sie reparaturbedürftig und nicht mehr gebraucht wurde, landete sie wie so viele andere in einem Lagerhaus. 1977 bis 1991 wurde sie dann in einem Pizza Parlor in Grand Rapids installiert. Später bestanden für die Orgel Verkaufspläne nach Australien; aber die lokalen Fans organisierten sich, damit so etwas nicht passieren konnte.
Heute erfreut diese Theaterorgel wieder Tausende von Museumsbesuchern und wird dabei sehr gezielt eingesetzt. Jede Besuchergruppe wird durch das Meijer-Theater geführt und bekommt ein kurze Kostprobe des Instruments zu hören. Da natürlich nicht immer ein Organist anwesend sein kann, wird das Minikonzert ab eingebautem Diskettenlaufwerk realisiert. Die Orgel steht auch für Übungszwecke zur Verfügung. Voraussetzung ist jedoch, daß die Türen zum Theater immer offen stehen müssen, damit jeder vorbeigehende Besucher die Musik hört und sich wenn gewünscht im Theater aufhalten kann. Es werden auch viele Lesungen von Kinderbüchern mit Orgelmusik als Hintergrund in diesem Theater veranstaltet, um die Kinder an diesen Klang zu gewöhnen. Jedenfalls wird dort alles Mögliche unternommen, damit die Theaterorgel-Musik auch wieder unter das junge Publikum kommt. Nur schade, daß die Tonqualität in diesem Raum etwas stumpf wirkt; es entsteht kein natürlicher Hall. Die Orgel selbst ist in absolutem Topzustand.
Kommerzielle Aufnahmen bestehen von dieser Orgel leider keine. Um das Van Andel Museum genauer anzusehen, fehlte uns die Zeit, aber die paar Sachen, welche wir auf dem Weg zur Orgel sehen konnten, gaben uns den Eindruck, das Museum würde ein sehr breites Spektrum abdecken. Zum Beispiel trifft man beim Betreten des Museums auf ein großes Stück der Berliner Mauer, und in der ersten Halle hängt ein riesiges Skelett eines Walfisches an der Decke.
Organ Piper Pizza Unser Aufenthalt im Van Andel Museum war eher kurz, denn wir mußten uns schon bald auf den Weg machen. Die Fahrt nach Milwaukee soll je nach Belastung dieser sehr verkehrsreichen Region an die sieben Stunden dauern und die Straße geht teilweise sogar direkt durch Chicago. Und wieso Milwaukee? Es gibt in Milwaukee einige sehr schöne Theater mit Theaterorgeln. Leider war es mir nicht gelungen, im Vorfeld meinen Besuch zu organisieren und hoffte daher, vor Ort etwas arrangieren zu können. Immerhin gibt es dort für jedermann zugänglich eine sehr schöne und bekannte Orgel in einem Pizzalokal, wo täglich Orgelmusik geboten wird. Im ORGAN PIPER PIZZA, so nennt sich das Restaurant, steht eine 3/27 Kimball-Wurlitzer. Sie wird jeden Tag gespielt. Das Pizza Restaurant steht zwar mit seinen 275 Sitzen in keinem Vergleich zur bekanntesten und dreimal so großen ORGAN PIZZA in Arizona (siehe mein Bericht in OKEY! 22), doch ist es umso erstaunlicher, daß diese eher kleine Pizzeria eine so große Orgel installiert hat. Doch in einer Pizzeria braucht es Instrumente mit großem Volumen, denn vom Publikum, meistens Familien mit Kindern, kann man nicht erwarten, daß sie still und leise sind. Hier herrscht ausgelassene Stimmung, und die Leute fühlen sich bei knuspriger Pizza, cooler Cola und schmissiger Theaterorgel-Musik sichtlich wohl. Wäre dies in Europa nicht auch ein Hit? Junge Leute könnten so jedenfalls auf den Geschmack von Mighty Wurlitzer Musik gebracht werden.
Die ständigen Hausorganisten sind Dave Wickerham und Barry Baker. Beide haben sich national bereits einen Namen gemacht, denn sie treten auch bei Festivals auf und bereisen die Staaten, um Konzerte zu geben. Am Abend unseres Besuches war Barry Baker anwesend und spielte für uns Wunschmelodien. Die Pizza-Organisten müssen ein unglaubliches Repertoire im Kopf haben, denn die Gewohnheit von Pizza Parlor Besuchern ist, um ihre Lieblingsmelodie (genannt Requests) zu bitten. Erwähnt sei auch noch, daß es von dieser Orgel verschiedene kommerzielle Aufnahmen mit diversen Spielern gibt.