REPORTAGE 034

 
 

Nun hatte mich meine „Reise durch die Amerikanische Theaterorgel-Szene“ bereits nach Philadelphia, Ocean Grove, Atlantic City, Detroit, Grand Rapids und Milwaukee gebracht. Bevor es zum Abschluß zum „Regional Theaterorgel-festival“ nach Grand Rapids gehen sollte, standen noch mit Chicago und Joliet zwei Städte in Illinois auf dem Besichtigungsprogramm.

Die Amerikanische Theaterorgel-Szene (6. Teil)

In Milwaukee ergaben sich leider keine weiteren Möglichkeiten, noch lokale Theater zu besuchen. Schade, denn Milwaukee besitzt noch einige sehr schöne Theater mit Orgeln. Aber so bleiben mir wenigstens noch einige Anlaufstellen für den nächsten Besuch. Also machten wir uns auf den Weg nach Chicago, wo wir am Abend im Chicago Theater erwartet wurden. Aber halt, da wäre doch noch fast am Weg der Ort Barrington, wo eine der schönsten Theaterorgeln der USA steht, die 5/80 Sanfilippo Wurlitzer, die sich im Privatbesitz von Jasper und Marian Sanfilippo, den Erdnußkönigen der USA, befindet. Kenner der Szene gaben mir allerdings nicht viel Chancen, als Privatbesucher da hinein zu kommen, aber ich versuchte es trotzdem. Mit viel Mühe habe ich bei einem Telefon einer McDonalds-Filiale die Nummer der Sanfilippos ausfindig gemacht und dort kurzum angerufen. Höflich aber bestimmt wurde ich vom Sekretär darauf hingewiesen, daß es nur Einlaß bei Veranstaltungen gäbe. Auch mein Hinweis, daß ich für OKEY! schreibe, hat nicht geholfen; im Gegenteil, Mr. Sanfilippo sei eher pressescheu. Ehrlich gesagt, ich war sehr enttäuscht, denn dieser Ort sowie die Orgel mußten das absolut „Feinste von Feinen“ sein. Aber ich mußte einsehen, daß solche Besuche wirklich nur mit viel Vorbereitungen möglich sind. Nun, wir hatten ja noch so viel vor, und so genossen wir einfach die Fahrt bei herrlichem Sonnenschein nach Chicago und blieben zuversichtlich, anläßlich einer nächsten Reise über diese Attraktion schreiben zu können.


Chicago Für den bevorstehenden Besuch des „Chicago Theatre“ hatten wir zwar genaue Anweisungen, wie man am einfachsten dorthin kommt, aber trotzdem waren wir einigermaßen nervös, denn die Siebeneinhalbmillionen-Stadt Chicago ist immerhin nicht Zürich. Aber wir schafften es ohne größere Probleme. Und wieder wurden wir sehr herzlich empfangen. Jeff Hammand vom Chicago Theater war froh, daß wir pünktlich waren, denn er war bereits reisefertig, um in die Ferien zu fahren, aber nahm sich trotzdem noch alle Zeit für uns, um das Theater zu zeigen, alle Lichter einzuschalten und die Orgel ertönen zu lassen. Oh, was für ein wunderschönes Theater. Es wurde 1921 erbaut und mit 3500 Sitzen ausgestattet. Erster Hausorganist war Jesse Crawford, eine Legende der Theaterorgel-Musik. Zusammen mit der Wurlitzer Company gelang es ihm, auf den Klang der 4/29 Wurlitzer (Opus 434), eine Originalinstallation, sehr großen Einfluß zu nehmen. Noch viele Jahren wandte Wurlitzer diese Veränderungen in ihrer Produktion an. Die Orgel klingt einmalig. Ich habe aber trotzdem immer wieder das Gefühl, daß das persönliche Empfinden sehr stark vom Umfeld beeinflußt wird. Eine opulente Dekoration mit einer sehr warmen Theater Atmosphäre geben auch der Orgel eine besondere Note. Auch dieses Theater hatte seine schwierigen Zeiten und war 1986 für eine Renovierung fällig. Viele Orgel- und Theater-Fans setzten sich für eine umfangreiche Spenden-Sammlung ein und weckten dabei vor allem das Interesse des breiten Publikums. Heute ist das Theater wieder profitabel. Mit dem Musical „Joseph“, der bis jetzt größte Erfolg, konnten für über Hundert Millionen Dollar Karten verkauft werden. Das Chicago Theater genießt heute von der Stadtverwaltung Chicagos den „Official Landmark Status“, was so etwas wie bei uns der Heimatschutz oder Denkmalschutz ist.


Joliet Während sich meine Frau noch etwas in den Geschäftsstraßen von Chicago umsehen wollte, entschied ich mich, mit der Eisenbahn von Chicago nach Joliet zu fahren. Es war nicht das einfachste, denn niemand schien zu wissen von welchem der zahlreichen Bahnhöfe die Züge nach Joliet abfahren. Also verlor ich mehr Zeit damit, den richtigen Bahnhof zu finden, als die Fahrzeit nach Joliet benötigte, welche nur eine Stunde dauerte. Aber es war eine Erfahrung wert. Das „Rialto Square Theatre“ in Joliet ist wiederum ein absolutes Prunkstück, Wie kommt es, daß diese für amerikanische Verhältnisse eher kleine Stadt mit nur 80.000 Einwohner neben Chicago, welches doch relativ nahe ist, so ein Prunktheater hat? Mir wurde erklärt, daß Joliet im Schatten von Chicago immer zu konkurrieren versuchte - im besonderen was die Unterhaltungsbranche betraf. Das Rialto Theater mit 1950 Sitzen wurde 1926 eröffnet. Die Eingangslobby ist mit seinen über hundert opulenten Chandeliers ein Replikat der Esplanade von Versailles und somit sogar ein sehr begehrter Ort, um Hochzeiten mit Stil zu feiern.

Die Orgel ist eine 4/26 „Barton Grande Pipe Organ“. Zu meiner Frage, wieso eine Barton antwortete mir, daß man wieder im Vergleich zu Chicago etwas Spezielles wollte. Man klärte mich auf, daß der Ausdruck „Mighty“ für die Wurlitzer gelte und die Barton hingegen „Grande“ genannt wird. Die Orgel wird heute noch für jede Show genützt, also weit mehr als in anderen Theatern. Der Unterhalt der Orgel wird unentgeltlich von Mitgliedern der ATOS (American Theatre Organ Society) besorgt. Sie ist in wahrem Top-Zustand. lch war verabredet mit einem gewissen Lee Malony. In Amerika, wo die halbe Nation mit Übergewicht herumläuft, erschrickt man nicht mehr, wenn einem 120-150kg schwere Leute entgegenkommen. Aber hier dürften es wohl über 200kg sein, die mir sofort die Frage durch den Kopf schießen ließ, wie dieser Mann wohl an der Orgel sitzen und auch noch spielen kann? Aber Lee hat mir bewiesen, wie toll das klappt und bot mir ein unglaubliches Konzert. Lee Malony ist nebenbei noch Arrangeur und Musikdirektor eines Großorchesters, mit welchem er jedes Jahr auf Toumee geht, auch außerhalb der USA (Australien, Japan, usw.). (Ob er im Flugzeug zwei Sitze buchen müßte, habe ich ihn natürlich nicht gefragt.) Lee Malony erklärte mir, das Rialto würde jedes Jahr ein spezielles, sich von den andern abhebendes Orgelfestival organisieren, und im Programm sei auch eine Veranstaltung mit einem Konzert bei Sanfilippo. Toll ... Lee konnte für das nächste Festival bereits die erste Anmeldung in den Sack stecken; darauf stand: Joe Bechter!