In den letzten OKEY!-Ausgaben haben wir bei unserer Reise durch die amerikanische Theaterorgelszene eine Vielzahl von Städten und Orten mit interessanten Theaterorgeln von den verschiedensten Herstellern kennengelernt. Zum Abschluß dieser Reise möchte ich Sie nun noch nach Cedar Rapids im Bundesstaat Iowa einladen, wo wir ein regionales Theaterorgel-Festival besuchten.
Die Amerikanische Theaterorgel-Szene (7. Teil)
Cedar Rapids - mit seinen 115.000 Einwohnern - wird gerne als die Stadt der 5 Jahreszeiten bezeichnet: The traditional four seasons and the fifth ..... time to enjoy life, sprich die vier traditionellen Jahreszeiten und die fünfte .... Zeit, um das Leben zu genießen. Und dieses große Korn-Verarbeitungszentrum im Mittleren Westen hat wirklich einiges zu bieten, um das Leben in vollen Zügen genießen zu können. Für uns war natürlich die Hauptattraktion das regionale Theaterorgel-Festival .
Folks from Switzerland
Das Programm startete am Freitagabend im Paramount Theater, welches im Jahre 1928 erbaut wurde und mit 2000 Sitzplatzen ausgestattet ist. Die 3/12 Wurlitzer ist eine der wenigen, welche seit ihrer Installation im selben Theater verblieben ist. An diesem Abend gab David Peckham ein wunderschönes und unterhaltsames Konzert. Während des Festivals wurden jeden Abend Anerkennungspreise für spezielle Leistungen an die verschiedensten Leute verteilt. Wir staunten nicht schlecht, als wir an diesem ersten Abend für einen dieser Preis auf die Bühne gerufen wurden. Unsere spezielle Leistung: wir waren diejenigen, welche am weitesten reisten, um zu diesem Festival zu kommen. Fast unnötig zu erwähnen, daß von dem Moment an alle 350 Teilnehmer wussten, wer die Leute from Switzerland waren. Wo wir uns immer befanden, alles sprach uns an mit Hi folks from Switzerland. Die Einführung war wahrlich nicht schlecht.
Das Samstagmorgen-Konzert fand im IOWA Theater, nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt, statt. Es herrschte Sturm über der Gegend, und so war die Nähe des Theaters mehr als willkommen. Das IOWA Theater war einst viel größer, aber das Remodeling hat ihm in nichts geschadet. Daraus wurde ein sehr intimes, warmes, kleineres Theater, welches aber immer noch seine Original-Theaterorgel-Installation besitzt - eine Rhinestone Barton mit 3 Manualen und 14 Registern. Zwar ist sie vielleicht für unseren Geschmack etwas zu kitschig geschmückt (alles mit schwarzem Samt überzogen und die Konturen mit Straß besetzt), aber dafür klingt sie einmalig. Sehr bekannt sind die Strings mit dem in Amerika berühmten Frying Bacon Sound (übersetzt: Brutzelnder Frühstückspeck Klang) ... und man riecht ihn geradezu! Die Orgel trägt das Namensschild Barton und sieht auch wie ein Barton aus, aber sie wurde eigentlich von der Wangerin Organ Company gebaut.
Ron Rhode Wie schon in meinem ersten Bericht zu dieser Serie erwähnt, war das auf dem Programm stehende Konzert von Ron Rhode auf dieser Orgel ein wesentlicher Grund für meine Entscheidung, diese lange Reise anzutreten. Denn 1990 wurde auf dieser Orgel Ron Rhodes CD Corn Silk aufgenommen, eine meiner absoluten Lieblingsproduktionen auf einer Theaterorgel; und übrigens die einzige kommerzielle Aufnahme, welche je auf dieser Orgel entstand. Es war natürlich zu erwarten, daß Ron Rhode seine damals aufgenommenen Stücke ins Konzert einfügt. Und so war es! Ich konnte meine Lieblings-CD live erleben, was für mich ein unbeschreibliches Gefühl war. Daneben spielte Ron auch einige Victor Herbert Stücke und sorgte für Humor mit dem Stück Hot Lips, welches er Monika Lewinsky widmete.
Am Samstagnachmittag fand ein klassisches Konzert mit Clark Wilson auf der 4/58 Skinner Konzert Orgel im Coe College statt. Mir - und ich glaube auch etlichen anderen - war Clark Wilson bis jetzt nur als unterhaltender Theaterorgel-Organist bekannt. Sein klassisches Konzert war aber hervorragend.
Am Samstagabend wurde im Paramount Theater der amüsante Stummfilm That Certain Thing gespielt und von Denis James meisterhaft an der Wurlit-zer begleitet. Denis erklärte dem Publikum, wie unwahrscheinlich viel Zeit investiert werden muß, um so einen langen Stummfilm musikalisch interpretieren zu können. Als Basismelodie und zur Widerholung wählte er das Stück Honey - eine sehr gute Wahl. Es ist fast unglaublich, daß ein Organist mit nur einer einzigen Melodie über eine Stunde so viele Variationen und Interpretationen bringen kann, um diese an jede Situation im Film anzupassen. Nach der Vorführung war Amateur Session angesagt. Festivalteilnehmer konnten sich an die Wurlitzer setzen und je drei Stücke spielen. Und es war schon sehr erstaunlich, festzustellen, wie viele gute Theaterorgel-Spieler es unter den Zuhörern gab. Sie nützten die Gelegenheit wirklich aus und schienen absoluten Spaß dabei zu haben.
Am Sonntag, dem letzten Tag des Festivals stand am Morgen ein Konzert im Iowa-Theater mit Walt Strony, am Nachmittag eines im Paramount-Theater mit Barry Baker (vom Milwaukee Pizza Parlor) und am Abend nochmals eines im Iowa-Theater mit John Seng auf dem Programm.
Fazit
Und das war auch schon das Ende des Abenteuers. Es war einmalig, es war wunderschön. Der große Aufwand, die vielen Flüge, die Strapazen der langen Anreisen haben sich mehr als gelohnt. Und ich hoffe, ich konnte Ihnen mit dieser Artikelserie einen Einblick in die amerikanische Theaterorgel-Szene ermöglichen und ein wenig von der Faszination dieses Hobbies vermitteln.