In der vorletzten Ausgabe von OKEY! habe ich in groben Zügen bereits vom Joliet Festival berichtet. Vor dem eigentlichen Festival besuchte ich aber wieder einige interessante Theaterorgeln, über die ich diesmal und in den kommenden Ausgaben berichten möchte.
Weitere Theaterorgeln in den USA
Ausgangsort für meine Pre-Festival Tour war diesmal Chicago, da alle meine geplanten Ziele äußerst günstig von dort aus zu erreichen waren.
Mundelein Nach ungefähr einer Stunde Autofahrt Richtung Norden erreichten wir unser Ziel. Mundelein ist ein 1844 gegründetes katholisches Priester-Seminar. Die verschiedenen Gebäude, es sind im ganzen 14, stehen in einem wunderschönen Park mit Seen und uralten Baumriesen. Wer würde hier eine Theaterorgel vermuten? Aber man staune: Im Auditorium steht eine 4/19 Wurlitzer-Kimball (hybrid) und daran gekoppelt ein Konzertflügel. Die Konsole stammt vom Chicago Theater, wo früher zwei Konsolen installiert waren. Jesse Crawford spielte darauf, oft im Duett mit seiner Frau Helen Crawford (auch eine gute Theaterorganistin). Mundelein war und ist ein Begriff. Es finden regelmäßig Konzerte statt, und namhafte Künstler treten auf. Die Orgel wird im Top-Zustand gehalten.
Oriental Theatre, Milwaukee
Das Oriental öffnete seine Tore am 2. Juli 1927 als Movie Palace, übersetzt Filmpalast, was bei uns einfach mit Kino bezeichnet wird, weil verglichen mit den USA bei uns die Kinos meistens eine viel bescheidenere Größe haben. Erstaunlich ist, daß zu dieser Zeit so ein Kino-Palast mit solch luxuriöser Ausstattung gebaut wurde, waren doch die Glanzzeiten des Films bereits rückläufig. Dekorationen und pompöse Statuen verleihen dem Theater eine eindeutig orientalische Atmosphäre. Aber erst im Jahre 1985 bekam dieser Movie-Palast eine Theaterorgel. Eine 1927 als 3/28 gebaute Kimball, Opus 6946, endete nach verschiedenen Stationen wie so viele andere in einem Lagerhaus. Schlußendlich durfte die eigens dazu gegründete Kimball Theatre Organ Society die Orgel übernehmen. Die Besitzer des Oriental waren bereit, diese heimatlose Orgel aufzunehmen, aber der Aufwand sollte ganz zu Lasten der Kimball Theatre Organ Society gehen. Und wieder einmal hört man, wie selbstlos Orgel Fans das letzte gaben, um das Projekt zu realisieren. Es bedurfte 30.000 Arbeitsstunden und einer Investition von $ 40.000,- für die Modernisierung, die Erweiterung und den Einbau. Kollekten wurden organisiert, aber einiges mußten die Fans selbst aufbringen. Heute strahlt die 3/28 Kimball in vollem Glanz und wird für Konzerte eingesetzt. Der Besuch im Oriental war sehr beeindruckend. Der von anderen Orgeln sich unterscheidende Kimball Klang blieb noch lange in unseren Ohren.
Venetian Theatre, Racine Nach dem Maxi Movie-Palace zum Fred Hermes Mini Movie-Palace: So nennt sich das kleine Bijou im Privatbesitz von Fred Hermes. Man muß es gesehen haben, um es zu glauben. Selbst beim Betreten des einfachen Hauses von Fred Hermes glaubt man kaum, daß man nach ein paar Stufen in ein kleines Movie-Palace von 150 Sitzen gelangt. Natürlich sind 150 Sitze nicht sehr viel, aber trotz dieser geringen Größe sieht innen alles aus, als ob man sich in einem echten Kinopalast befände. Aber wenn ich beginne, aufzuzählen, was so alles in das Interieur gesteckt wurde, kann man sich doch einigermaßen ein Bild davon machen.
Fred Hermes hatte die Vision, ein kleines Theater zu gestalten und darin eine Wurli-tzer zu installieren. Er ist selbst Theaterorgel-Spieler. Die Hinterseite seines Hauses steht an einem Abhang; dort würde er den benötigten Raum anbauen. Aber den Rest würde er sammeln und zusammenbauen. Und so war es denn auch. Als das Venetian Theatre von Racine in den 70er Jahren abgebrochen wurde, holte er sich viele schöne Dekorationen im Venetianischen Stil. Aber da gab es noch so viele andere Möglichkeiten, denn die Abbruchwelle von Theatern war im vollen Gange. So holte sich Fred Hermes die Kristallleuchter vom Chicago Picadilly Theater, Bleiverglasungen vom Chicagos Pantheon Theater, Filmvorführapparate und Beleuchtung vom Minnesota Theater in Minneapolis, den Vorhang vom Crown Theater in Racine, den Orgel Lift vom Aurora Paramount Theater, usw. Es gibt im ganzen Raum keinen Gegenstand, welcher nicht von irgendeinem Theater stammt. Die Theaterorgel schließlich stammt vom Michigan-Theater, eine fünfmanualige Wurlitzer mit 28 Ranks. Wurlitzer hat nur drei fünfmanualige Orgeln konstruiert! Neu hatte diese Orgel $ 75.000,- gekostet; Fred Hermes hat sie für $ 3.000,- &Mac226;gestohlen (wie Fred es mit einem zynischen Lächeln quittiert). Die Orgel wurde modernisiert und 10 Ranks dazu gebaut. Es sind jetzt 2.500 Pfeifen. Die heutigen Produktionskosten würden sich auf $ 2,000.000,- belaufen! Während wir so im Mini Movie-Palace herumstöbern, brüllt Fred Hermes durch den Saal: Ladies and Gentlemen, its Showtime! Die Saalbeleuchtung geht langsam aus und diverse Scheinwerfer gehen an, der Vorhang geht zurück, die Orgel kommt langsam auf Bühnenhöhe, an der Konsole Fred Hermes. Er greift tief in die Tasten mit There is no Business like Show Business. Während wir dem bezaubernden Klang dieser einmaligen Orgel lauschen und unsere Blicke in dieser faszinierenden Umgebung herumschweifen, denken wir: so etwas kann es nur in Amerika geben!
Jim Petersen Residence, Menomiee Falls Zum Abschluß unserer Orgeltour im Gebiet um Chicago gab es nochmals etwas Erstaunliches. Die Petersens haben in ihrem privaten Haus eine 3/16 Wurlitzer installiert (aus dem State Theatre Chicago), obwohl niemand in der Familie Orgel spielt! Die Petersens lieben einfach Theaterorgel-Klänge. Ich wollte aber trotzdem wissen, wieso sie so ein aufwendiges Instrument installierten, hätten sie doch auch mit einer elektronischen Heimorgel einige Thea-terorgel-Klänge haben können. Die Antwort war kurz und klar: Jeder Spieler, der hier vorbeikommt, kann sich an die Orgel setzen und sofort spielen; kein langes herumfummeln und vielleicht sogar eine Absage, weil er gerade diese Orgel nicht kennt.