Höhepunkt des Rialto Festivals sollte der Besuch der Privatresidenz von Jasper und Marian Sanfilippo werden. Und eines vorweg - es war eines der grössten Erlebnisse, die ich je hatte.
Sanfilippo Collection
Sicher ist wenigen OKEY!-Lesern bekannt, dass die Sanfilippos über ein Imperium herrschen, welches spezialisiert ist auf die Verarbeitung und Großverteilung von Nüssen aller Art, wie Erdnüsse, Cashews, Walnüsse, Pistazien usw. Aber fast sicher ist, dass viele von den OKEY!-Lesern schon Sanfilippo Nüsse verzehrt haben. Wer mit dem Flugzeug unterwegs ist, kriegt meistens Sanfilippo-Nüsse zum Knabbern.
Und auch nur wenigen OKEY!-Lesern wird wahrscheinlich bekannt sein, dass die Sanfllippos eine der grössten Sammlungen der Welt von Music Machines besitzen. Unter Music Machines versteht man alles, was mechanisch Musik produziert: Jahrmarkt-Orgeln, Tanzorgeln, Rollen Pianos, Musik Boxen, Phonographs, Slotmachines, usw. Aber auch Dampfmaschinen, alte Autos und Spielautomaten gehören zur Kollektion. Prunkstück ist eine 5/80 Wurlitzer, die grösste, je gebaute Pfeifentheaterorgel der Welt! Wirklich alle 80 Register sind Pfeifen, da ist keinerlei Elektronik dabei. Für die Unterbringung dieser unwahrscheinlichen Raritätensammlung wurde an die Privatresidenz ein schlossähnliches Gebäude angebaut. Mehr darüber aber später. Vorerst möchte ich ein bisschen über die Spannung dieses Besuches berichten.
Besuch bei Sanfilippo Um 10 Uhr Sonntag Morgen verlassen wir mit vier Reisebussen das Hotel in Chicago um nach Barrington (nördlich von Chicago) zu fahren. Nach einer Stunde Fahrt passieren wir den Eingang zur Sanfilippo Residenz. Ein paar Mitreisende, welche schon einmal dort waren, berichten immer wieder: ihr werdet Euch vor Staunen nicht erholen können! Unbeschreiblich! Hoffentlich wird es mir gelingen, dieses Unbeschreibliche zumindest halbwegs beschreiben zu können. Schon der erste Eindruck ist gewaltig. Hinter dem Eingangstor öffnet sich der Blick zu einem wunderschönen Anwesen. Um einen künstlichen See säumen sich im Winde wehende Trauerweiden, welche bereits in herrlicher gelblicher Herbstpracht sind. Das Wetter spielte wirklich mit; stahlblauer Himmel. Während der Zufahrt machen wir uns so Gedanken wie: ob wir wohl bei so einem Besuch die Sanfilippos zu Gesicht bekommen werden.
Als erstes wird die Gruppe ins EDEN PALAIS geführt, eine sehr große, von außen unscheinbare Halle (Bild rechts). Diese erinnert an ein großes Festzelt. Jahrmarkt Musik klingt uns entgegen. Beim Betreten glaubt man sich auf dem Münchner Oktoberfest - gedeckte Festzelttische, im Hintergrund eine riesige und wunderschöne Jahrmarkt Kulisse (gebaut von Alexander Devos, Belgien), weiter dahinter dreht sich ein einmaliges 4-Spuren-Hübner-KarusseIl, von welchem die Jahrmarkt Musik in die Halle gelangt. Wir stellen uns in eine der Reihen, welche sich vor dem Verpflegungs-Büffet bildet. Die Schlange bewegt sich langsam; man pflegt Small Talk, plaudert eher Belangloses. Zwei Männer hinter uns sprechen uns auf unser Namensschild an. Wir gehen allerdings nicht weiter darauf ein, denn ohhh, you are from Switzerland hören wir den ganzen Tag. Jemand vor uns dreht sich um und flüstert uns zu: ist das nicht nett, den Hausherrn zu treffen, und wir geben zur Antwort: ja, natürlich wäre das ein Ereignis. Aber ihr habt doch soeben mit Herrn Sanfilippo gesprochen. Himmel, nein. Von allen Geistern verlassen, drehen wir uns wieder um. Und da steht er, der Herr des Hauses, der einzige, der kein Namensschild zu tragen braucht! Er steht ganz einfach in der Schlange und wartet, bis er dran ist, wie alle anderen auch! Er plauderte mit jedem, der mit ihm plaudern möchte. Wir erklären ihm, dass wir vor einem Jahr bei einer telefonischen Anfrage von seinem Sekretär eine Absage für einen persönlichen Besuch erhielten. Ferner sei uns beim Hinweis auf das OKEY!-Magazin erklärt worden, Mr . Sanfilippo sei eher pressescheu. Er lachte über die guten Absichten seines Sekretärs und meinte, wir könnten nicht nur schreiben, so viel wir wollen, sondern auch fotografieren.
Es entstand schnell eine lockere Atmosphäre. Selbstverständlich würde er uns auch seine Frau am Nachmittag vorstellen. Man sah ihm so richtig seine Begeisterung an, anderen Leuten eine Freude zu machen. Hier ist eine Familie, welche trotz ihres Wohlstandes nicht nur an sich denkt, sondern all das Wertvolle, was sie gesammelt hat, anderen Leuten zugänglich macht.
Nach dem Essen schauen wir uns in der Halle um. Unwahrscheinlich, was für Prunkstücke hier ausgestellt sind. Ein Teil der Sanfilippo-Sammlung befindet sich nämlich bereits hier. Der größere Teil ist aber im Hauptgebäude untergebracht. Einer Broschüre entnehmen wir, dass die Sammlung von restaurierten Musikautomaten die größte der Welt ist. Sie umfasst z.B. 200 Musikboxen, 65 Rollen spielende Instrumente, Pianos und Streicher. 60 große Orchestrions aus USA und Europa. 25 Tanz- und Jahrmarkt-Orgeln und eine 5/80 Wurlitzer mit 8000 Pfeifen. Ferner eine große Anzahl Phonographen und Spielautomaten. Das ganze ist umgeben von vielen kostbaren Lüstern, Tiffany Lampen, Turmuhren, alten Plakaten, usw. Hauptmotiv dieser Sammlung ist die Erhaltung und die Pflege dieser wunderbaren Erfindungen der westlichen Welt. Für den Bestand dieser Raritäten werden die Räumlichkeiten ständig auf Temperatur und Feuchtigkeit kontrolliert. Ein ständig beschäftigtes Team von Spezialisten erhalten all diese Gegenstände in bestem Zustand.
Am Nachmittag geht es dann ins Dreihundertmillionen-Dollar-Hauptgebäude, ein im französischen Stil erbautes Märchenschloss. Am Anfang bestand nur der linke Teil des Gebäudes, die Residenz der Sanfilippos. Für die immer größer werdende Kollektion wurde dann 1984 der rechte Teil angebaut, ein richtiges kleines Schloss, Märchen-schloss könnte man fast sagen. Am Zugang zu diesem Prachtbau säumen sich Laternen, welche um die Jahrhundertwende in den Strassen von Milwaukee (Wisconsin) standen und auf dem Vorplatz steht ein sechs Meter hoher Bronze-Springbrunnen aus Florenz. Die Gebäude-Ornamente stammen aus dem ehemaligen Granada Theater von Chicago. Der imposante Eingang gleicht einem Theaterfoyer. Die mit 12.000 Watt beleuchtete große Kuppel besteht aus 30.000 Teilen Tiffany Glas. Der Aufgang (Bild unten) ist flankiert von den vier Jahreszeiten Bilder von Mucha, ganz in Tiffany Glas. Überall dekorative Säulen mit Goldornamenten. Oben an der Treppe steht eine aus dem Schwarzwald stammende, 1860 von Imhof und Mukle gebaute imposante Rollenorgel mit 438 Pfeifen - eine absolute Rarität. Dann geht es verzweigt in verschiedene Räumlichkeiten. Bei sämtlichen Music Machines stehen Polstergruppen zum Verweilen, und überall herrscht warme Beleuchtung durch alte Tiffany Lampen. Man sollte wirklich die Zeit haben, um jedes Stück genauer ansehen und studieren zu können.
Die 5/80 Wurlitzer von Sanfilippo Die Orgel, die Hauptattraktion steht im Music Room oder Salon de la Musique, einem Theater mit Balkon und 300 Sitzen. Der Anblick ist unbeschreiblich - so einmalig schön gebaut und dekoriert. Mit Bildern möchte ich den Anblick vermitteln, aber man muss das live erlebt haben, um wirklich zu erfassen, welchen Eindruck das Ganze hinterlässt. Die Wurlitzer Opus 1571 wurde 1927 für das Riviera Theater in Omaha gebaut und hatte 24 Register. Im Jahre 1980, bereits im Besitze der Sanfilippos wurde der Entscheid getroffen, diese Wurlitzer mit 80 Register und einer Konsole von 5 Manualen in die größte Theater Orgel der Welt umzubauen( Bild oben). Damit hat dieses vielseitige Instrument eine unlimitierte Tonpalette. Die Konsole steht auf einem rotierenden Lift. Die Pfeifen der 80 Register sind in 5 Kammern untergebracht.
Bei all diesem Schwärmen vergesse ich noch fast das Konzert. Doch wie könnte man, denn eine bessere Tonqualität habe ich noch nie gehört. Wirklich das Feinste vom Feinen, und die Akustik ist hervorragend. Also stimmt, was alle sagen, die schon einmal dort waren, es gibt nichts Besseres. Die Auswahl der Organisten war perfekt: es waren dies Jonas Nordwall aus den USA und Tony Fenelon aus Australien. Es gibt übrigens zwei sehr bemerkenswerte CDs von der Sanfilippo Orgel: Paradise mit Lyn Larsen und Deep in my Heart mit Ron Rhode. Die Sanfilippos organisieren das ganze Jahr über verschiedene Konzertveranstaltungen, wobei der Erlös an Hospital Heart geht, eine Institution, welche Menschen mit lebensgefährlichen Krankheiten hilft.
Wir trennten uns natürlich nur schwer von den liebenswürdigen Sanfilippos und dem Music Palace von Barrington, aber auch vom ganzen Joliet Festival, welches absolut einmalig war. Ich kann nur wünschen, dass es unter meinen OKEY!-Lesern Glückliche geben möge, die das in Zukunft auch einmal erleben dürfen.
Vorschau Mit dieser OKEY!-Ausgabe schließe ich zunächst meine Berichte über die Theaterorgelszene in den USA ab, werde auf diese aber natürlich später wieder zurückkommen. In den nächsten beiden Ausgaben von OKEY! steht einmal meine Heimat im Mittelpunkt, werde ich doch über die Theaterorgelszene in der Schweiz berichten, so z.B. was mit den ehemals in Zürich installierten Theaterorgeln geschehen ist. Und ich darf Ihnen schon jetzt verraten, was bei meinen Recherchen dazu alles ans Tageslicht getreten ist, hat es in sich.