REPORTAGE 043

 
 

Nachdem ich im ersten Teil meines dreiteiligen Berichts über die Schweizerische Theaterorgel-Szene bereits ausführlich über die letzte Kinoorgel in Zürich sowie als Exkurs über das Schweizerische Orgelmuseum berichtet habe, soll diesmal ausschließlich von der Welte Theaterorgel des ehemaligen Apollo-Kinos in Zürich die Rede sein.

Theaterorgel-Szene Schweiz (2)

Das Grosskino Apollo wurde 1928 in Zürich am Stauffacher gebaut. Es war ein richtiger Palast mit 2000 Sitzplätzen. Im Orchestergraben befand sich zur Begleitung der Stummfilme eine stattliche Welte Kinoorgel. Nach der Einführung des Tonfilms wurde dann diese Orgel nur noch in den Pausen gespielt. Zahlreiche Besucher kamen allerdings nicht nur wegen der Filme, sondern auch wegen der prächtigen Orgelmusik. Die Organisten waren sehr beliebt und bekannt. Über zwei Jahrzehnte spielte der Deutsche Emigrant Hermann Küp-pers an der Apollo-Orgel. Anschließend spielte von 1946 bis 1949 der Schweizer Komponist Artur Beul („Nach em Räge schint z’Sunne“). Artur Beul wurde letztes Jahr übrigens 85 Jahre alt. Er erzählt folgendes über seine Apollo Jahre: „Die Zuschauer konnten mein Spiel nur hören, denn sie sahen nichts von der Orgelkonsole und schon gar nichts vom großen Orgelaufbau hinter der Bühne. Die Orgel war nicht leicht zu spielen. Die Luftröhren zu den Pfeifen bestanden aus Karton! Da konnte es passieren, dass je nach Luftfeuchtigkeit die Orgel zu spucken begann und der Organist in Eile die Röhren mit Klebeband notdürftig flicken musste.“


Neubeginn in Servion 1988 war Ende für das Apollo-Kino. Eric Scotoni, der Eigentümer, verkaufte die Liegenschaft an eine Bank, welche das Gebäude anschließend abreißen ließ. Wir hatten eigentlich alle geglaubt, die Welte vom Apollo wäre den Bulldozern zum Opfer gefallen. Nur durch die hartnäckige Nachforschung von Fredy Hübscher sind wir darauf gekommen, dass diese Orgel nicht nur noch vorhanden und in guten Händen ist, sondern auch noch bestens installiert ist - und zwar in der Französischen Schweiz!
Selbst im Bereich der Theaterorgeln scheint der viel zitierte „Röstigraben“ zwischen Romandie, dem französischsprachigen Gebiet der Schweiz, und der deutschsprachigen Schweiz zu existieren. Wieso hat man sich nördlich dieses „Röstigrabens“ seinerzeit bedenkenlos leicht von einer Kultur getrennt und tut sich auch heute noch schwer mit Nostalgie? Die Wel-schen haben nämlich unser Kulturgut mit offenen Armen übernommen. Während es in der deutschsprachigen Schweiz keine The-aterorgeln mehr gibt, können die Bewohner der franzö-sischsprachigen Schweiz, ein Gebiet welches immerhin einiges kleiner ist, gleich auf sogar drei Theaterorgeln (ex Apollo Zürich, ex Forum Zürich und ex Clapham Junction London) stolz sein.
In Servion, einem winzigkleinen Dorf etwa 15 km nördlich von Lausanne, gibt es ein sehr erfolgreiches Varieté-Theater mit dem Namen „Café Barnabé“. Besitzer ist Jean-Claude Pasche. Als in Zürich über den Abriss des Apollo-Kinos gesprochen wurde, war Jean Claude Pasche sofort hinter der Orgel her. Er hatte die einmalige Chance erkannt und wusste auch genau, dass er mit einer Theaterorgel in seinem Varieté Erfolg haben würde. Dabei hatte er eine Vision - bei der Installation ging er nämlich ganz neue Wege. Er wollte keine versteckte Orgel, sondern er wollte dem Publikum zeigen, was eine Theaterorgel ist und wie sie funktioniert. Die Orgelpfeifen sind also nicht in Kammern untergebracht, sondern wurden total offen an Wänden und Decken platziert. Man verzichtete dabei bewusst auf eine Volumenkontrolle durch Schwellklappen von Pfeifenkammern. Die Lautstärke kann somit nur noch über die Registratur beeinflusst werden. Jean-Claude Pasche ist total überzeugt von diesem Konzept. Wenn er den Besuchern seine Orgel zeigt und erklärt, kommt er total ins Schwärmen. Die Orgel ist wahrlich sein Baby, und er hat sie nicht nur mit kommerziellen Gedanken übernommen. So kann man auch davon ausgehen, dass diese Orgel auch in Zukunft auf das Beste gehegt und gepflegt werden wird. Übrigens wurde sie mit einigen Ranks erweitert und voll computerisiert.


1. Schweizer Stummfilmfestival Kurz nachdem wir entdeckt hatten, wo diese Welte-Orgel aus dem ehemaligen Apollo-Kino heute steckt, haben wir vernommen, dass dort von 22. bis 25. März das erste „Schweizer Stummfilmfestival“ durchgeführt werden sollte - selbstverständlich mit Orgel Begleitung. Also eine zusätzliche Überraschung und Freude, und es war für uns eine Selbstverständlichkeit, dieses Festival zu besuchen. Wir informierten ein paar Gleichgesinnte und kurzum waren wir eine Gruppe von 23 Fans, die nach Servion reiste. Trotz unserer eigenen Begeisterung fragten wir uns alle, ob da wohl überhaupt genug Leute hinkommen würden. Doch es kam ganz anders: Ohne Reservation wären wir nämlich gar nicht dabei gewesen. Denn das Lokal mit seinen 500 Plätzen war bei jeder der 4 Vorstellungen bis auf den letzten Platz besetzt (Bild). Die Begeisterung des Publikums war enorm. Einige fühlten sich in vergangene Zeiten versetzt und die jüngere Generation, welche so etwas nicht kannte, musste feststellen, dass es zu jener Zeit auch ganz schöne Unterhaltung gab. - In den USA feiert der Stummfilm übrigens gerade ein echtes Comeback, was auch bei uns stattfinden könnte, aber dazu braucht es eben clevere Unternehmer mit Visionen.

In meinem dritten und letzten Teil zur Theaterorgelszene in der Schweiz habe ich dann noch einige interessante Informationen zum Capitol Kino zusammengetragen. Lassen Sie sich überraschen.