Die Welte Theaterorgel vom ehemaligen Capitol Kino in Zürich existiert leider nicht mehr. Sie wurde, wie wir auch dem folgenden Bericht von Hans Baur entnehmen können, entsorgt.
Theaterorgel-Szene Schweiz (3)
Hans Baur war der einzige, der von der Orgel im Capitol noch etwas berichten konnte. Er hat freundlicherweise für OKEY! einen ausführlichen Bericht geschrieben, in dem er auf das Capitol genauso zu sprechen kommt, wie natürlich die Welte Orgel selbst.
Als junger Amateurpianist faszinierte mich die Kinoorgel, die ich im Kino Apollo vom damaligen Organisten, Herrn Küppers, 1947 gehört hatte. Durch ihn erfuhr ich, dass in Zürich mehrere solcher Instrumente vorhanden sein mussten. Ich fand dann solche in den damaligen Lichtspieltheatern Forum, Scala und Capitol. Leider waren aber alle diese Orgeln verstaubt und schon seit längerer Zeit nicht mehr gespielt worden. Im Capitol kannte ich den Direktor des Filmverleih-Büros (den Namen habe ich leider vergessen). Er war gleichzeitig auch Pächter des Kinos. Mein Interesse an der Orgel unterstützte er und machte mich mit dem Geschäftsführer bekannt. Dieser verwies mich wiederum an einen Angestellten, der für die technischen Einrichtungen des Kinogebäudes verantwortlich war. Er konnte mich dann über die komplizierte Bedienung der Orgel unterrichten. Leider musste ich aber feststellen, dass viele Pfeifen durch den längeren Stillstand verstimmt waren. Dieser technische Mitarbeiter hatte ebenfalls Verständnis und Freude an diesem Instrument. Mit ihm zusammen konnten wir die verstimmten Pfeifen, es waren vorwiegend die Zinn-Pfeifen, wieder in die richtige Tonhöhe bringen. Nachdem die Orgel wieder spielbar war, übte ich einige selbstarrangierte Potpourris ein. Mein Ziel war es, das Eingeübte später auf Stahldraht aufzunehmen. Beim Einüben hörte mich der Direktor des Filmverleihs mit der damaligen Hausbesitzerin. Sie erfreuten sich an den Klängen der auferstandenen Orgel und machten mir den Vorschlag, vor Beginn des Hauptfilms das Instrument öffentlich zu spielen. Dieser Aufforderung kam ich gerne nach und gab einige Konzerte. Diese Auftritte wurden dann auch in der Presse lobend erwähnt.
Kino und Orgel Das Kinogebäude an der Weinbergstrasse oberhalb des Zentrals in Zürich wurde Mitte der zwanziger Jahre erbaut. Der große Saal wurde ursprünglich als Variété- und Revue-Theater mit einer Konzertbestuhlung im Parkett- und Balkon versehen. Im Vorraum befand sich neben der Kasse eine Garderobe und eine größerer Aufenthaltsraum für die Gäste vor Theaterbeginn oder in den Pausen. Die großzügige und hohe Bühne enthielt einen Orchestergraben mit diversen Künstlergarderoben unterhalb der Bühne. Hier waren auch der Kompressor, die Windlade und die ganze elektrische Anlage für die Orgel untergebracht.
1930 wurde im Orchestergraben eine Kinoorgel durch die Firma Welte und Sohn aus Freiburg im Breisgau für den damaligen Preis von 100.000 Fr. eingebaut. Auf beiden Bühnenseiten waren in der ganzen Bühnenhöhe die Pfeifen eingebaut. Heute steht eine ähnliche Welte-Orgel im Musikautomaten-Museum bei Heinrich Weiss-Stauffacher in Seewen.
Auf der linken Bühnenseite waren die Holzpfeifen der Subbässe untergebracht. Die vier tiefsten 16 Fuß Bassflöten mussten, da sie in der Höhe keinen Platz hatten, abgewinkelt werden. Sie waren höher als die Bühnenhöhe von 4 Meter. Im gleichen Schacht waren auch alle Tibia-Holz-Pfeifen mit einer 4 oktavigen Celesta (Harfen Register) untergebracht. Ein großer Tremulant (Luftzer-hacker) brachte den Klang all dieser Pfeifen in Schwingung. So wurde der typische Kino-Orgel-Sound erzeugt. Im rechten Pfeifenschacht waren alle Diskantstimmen wie Trompete, Clarinette, Posaune usw. angeordnet. Auf Wunsch konnte man diese Stimmen mit einem kleineren Tremulant, ähnlich wie bei einer Kirchenorgel, in Schwingung bringen. Zusätzlich befand sich hier noch ein eineinhalb oktaviges Glockenspiel (lange Messingrohre). Eine besondere Faszination war das Xylophon. Dieses wurde mit einer rotierenden Schlegelwalze angeschlagen. Da die Orgel ursprünglich für die musikalische Begleitung von Stummfilmen gedacht war, standen auch diverse akustische Einrichtungen wie Donner, Klingel, Eisenbahn (Dampfgeräusch), Vogelgezwitscher, usw. zur Verfügung.
Der Spieltisch befand sich vor der Bühne mitten im Orchestergraben mit Blick auf die Bühne und Leinwand. Der Spieltisch verfügte über eine hydraulische, via Lochkarten gesteuerte Abspiel-Automatik, die aber nicht funktionierte und wohl nie im Einsatz war, obwohl ca. 40 Rollen vorhanden waren. Für die manuelle Bedienung standen zwei übereinander liegende Tastaturen mit 5 Oktaven und 2 1/2 Oktaven Vollpedal zur Verfügung. Die Anordnung war also wie bei einer Kirchenorgel. Über dem oberen Manual befanden sich je 50 Register mit Wippschalter, die wahlweise vor dem Spiel programmiert werden konnten. Mit Koppelschaltern konnten die Positionen auf das untere oder obere Manual und auch auf das Pedal geschaltet werden. An der Spieltischvorderkante waren noch 6 festeingestellte und 2 variable Tutti Druckschalter (Kirchenorgel) vorhanden.
Alle Ventile für die Luftzufuhr zu den Pfeifen wurden mit 24 Volt Gleichstrom gespeist und mit Elektromagneten gesteuert. Da diese aber zu wenig Kraft für den Hauptluftstrom hatten, wurden diese Hauptventile mit einem Unterdrucksystem für das Anblasen der Pfeifen betätigt. Das komplizierte System hatte aber den großen Vorteil, dass vom Spieltisch aus alle Bedienungen (Spielen und Registrieren) mit elektrischen Kontakten ausgeführt werden konnten.
Das Ende der Orgel
1951 kamen Großfilme in Breitleinwand auf den Markt. Um diese neue Vorführart auch bei uns einsetzen zu können, musste man die Kinobühne beidseitig vergrößern. Leider wurde dadurch die ganze Orgel von einem Alteisenhändler unsachgemäß abgebrochen und entsorgt. Sicher hätte man dieses Wunderwerk bei fachkundiger Leitung sorgfältig zerlegen und so der Nachwelt erhalten können.
Mit diesem Beitrag von Hans Baur sind wir auch am Ende der Ausführungen über die Theaterorgelszene in der Schweiz angekommen. Mit der nächsten OKEY!-Ausgabe geht es wieder über den grossen Teich. In einer achtteiligen Serie möchte ich Ihnen dann nach und nach weitere herausragende Theaterorgeln im amerikanischen Raum vorstellen, wobei die 5/36 Wurlitzer des El Capitan Theatres den Anfang machen wird.