REPORTAGE 048

 
 

Und weiter geht meine Reise zu einigen herausragenden Theaterorgeln in den USA. Zunächst
möchte ich Ihnen diesmal von der 4/22 Wurlitzer in der Old Town Music Hall in Los Angeles erzählen. Außerdem kann ich Ihnen von einer 4/42 Theaterorgel berichten, die aus Teilen von Wurlitzer, Barton und Morton zusammengebastelt wurde und im kalifornischen Seal Beach steht
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Theaterorgeln in den USA (4)

Was stellen Sie sich bei dem Namen ãOld Town Music HallÒ vor: eine alte Taverne in einem alten Stadtteil, mit Jazz oder Country Musik. Weit gefehlt - die ãOld Town Music HallÒ ist ein einfaches Klein-Kino-Theater mit nur 188 Sitzen und befindet sich ziemlich mitten in Groß-Los Angeles; genauer in der Richmond Street im El Segundo Teil, einem eher ruhigen Residenz Quartier. Parkplätze, das teuerste Gut in Los Angeles, sind dort genügend vorhanden. Tatsächlich stand aber diese ãOld Town Music HallÒ einmal im alten Stadtteil von Los Angeles, daher dieser Name. Als in diesem Gebiet die 1965er Unruhen tobten und der Zustrom zu diesem Lokal versiegte, mussten sich die Besitzer schnellstens um ein anderes Lokal umsehen. Geleitet wird die ãOld Town Music HallÒ seit jeher von den weit umher bekannten Bill Coffman und Bill Field, beide schon in den 80ern. Sie blieben einer alten Tradition treu: Stummfilm Vorführungen mit Wurlitzer Begleitung. Ebenso dem Popcorn Stand bei der Kasse - vielleicht das Rentabelste im Unternehmen. So herrscht hier auch nicht der Duft der großen, weiten Welt, sondern der Popcorn Duft beherrscht den Raum.
Im Kinosaal steht eine sehr gepflegte 4/22 Wurlitzer (Bild unten) und damit schon eine ansehnlich große Theaterorgel für ein relativ kleines Lokal. An den Wochenenden, d.h. Freitag, Samstag und Sonntag kommen dann die Liebhaber von Vorführungen mit Stummfilmen ganz auf ihre Rechnung. Die musikalische Begleitung besorgt hauptsächlich Bill Field. Es finden aber auch allerhand andere Konzerte statt: nebst Theaterorgel stehen auch hin und wieder Brass Bands, Banjo Bands, Dixieland Bands usw. auf der Bühne.

Ende oder Neuanfang? Bei unserem Besuch hält Bill Coffman vorerst eine Rede. Er erzählt dem anwesenden Publikum einiges Interessantes über die Vergangenheit der ãOld Town Music HallÒ. Anschließend wurde er ernst und verkündete, dass es wohl bald keine ãOld Town Music HallÒ mehr geben würde. Man konnte das große Entsetzen des Publikums fühlen. Viele der Anwesenden sind Stammgäste und könnten den Verlust dieser Einmaligkeit nur schwer verschmerzen. Das Verhältnis zum Besitzer des Gebäudes war Jahrzehnte lang ausgezeichnet, war er doch selbst Stammkunde im Kino und liebte die Theaterorgel-Musik und die Stummfilme. Vor seinem plötzlichen Tod war aber leider nichts bezüglich des Nachlasses geregelt und so kamen ein paar entfernte Erben an das Objekt, die leider keinerlei Interesse an Nostalgie und Stammkundschaft mitbrachten. Die Kündigung wurde ausgesprochen, denn diese Erben möchten baldmöglichst abbrechen und ein großes kommerzielles Gebäude aufstellen. So bat Bill Coffman, trotz seines fortgeschrittenen Alters, seine Kundschaft mitzuhelfen, nochmals ein neues Lokal zu finden - Hut ab, vor so viel Courage.
Dann bekamen wir einen Laurel und Hardy Film zu sehen mit Bill Field an der Wurlitzer. Man lehnt sich zurück im Kinosessel und amüsiert sich über die beiden lustigen Kerle, und die Wurlitzer Begleitung gab dem bunten Spiel der beiden Schlitzohren dermaßen Ausdruck, so dass man total vergaß, dass es sich um einen stummen Film handelte.
Noch ein interessantes Detail zum Abschluss: Der Wurlitzer ist ein Grand Piano mit Geschichte angeschlossen. Es handelt sich nämlich um den Steinway Flügel, welcher im Film ãSong to RememberÒ, der Lebensgeschichte von Frederic Chopin, verwendet wurde.

Das Bay Theatre in Seal Beach Am Montagmorgen mussten wir unser Hotel in Hollywood sehr früh verlassen, um nicht in den ãMorning Rush Hour TrafficÒ zu kommen. Wir hatten in den uns bevorstehenden Wochen noch viel vor, so dass es wichtig war, die Zeit möglichst gut auszunützen. Am Vortag, also Sonntag, fand in diesem Theater ein Konzert mit Dave Wickerham statt. Leider konnte ich an dem Sonntag nicht zwei Konzerte besuchen, denn unser Freund John hatte schon die Tickets für das Konzert von Tom Hazelton im Plummer Auditorium besorgt (siehe letzten Bericht). Aber was für eine Überraschung. Als wir im Bay Theatre eintrafen, saß Dave Wickerham an der Theaterorgel (Bild rechts) und spielte für sich, aber ganz so, als wenn das Theater voll besetzt wäre. Unser plötzliches Klatschen hatte ihn sogar erschreckt. Wir genossen noch einige Zeit seine wunderschöne Musik - oh, was für ein talentierter Theaterorgel-Spieler. Und gerade diese Orgel würde ihm besonders liegen, bemerkte er - eine große 4/42 Orgel, aber so richtig aus Teilen von Wurlitzer, Barton und Morton zusammengebastelt.
Der Höhepunkt war allerdings diesmal einmal nicht die Theaterorgel selbst, sondern der Theater-Besitzer. Ich wurde zwar vorbereitet, eine etwas außergewöhnliche Persönlichkeit anzutreffen, aber damit hätte ich nicht gerechnet: Ich traf ein wandelndes Theater-Lexikon! Er weiß einfach alles über sämtliche Theater in den Vereinigten Staaten. Wer hat was wo gekauft und wer wurde von wem übers Ohr gehauen. Er selbst hatte jede Menge Theater besessen und in allem was so hin und her ging, die Hände gewaschen. Er kauft alles und verkauft alles. Seine Ausführungen sind wie ein nie abreißender Strom. Aber man kann es ihm nicht verargen, denn er erzählt alles mit viel Charme und Spitzbubenlächeln. Hätten wir nicht nach dem Mittagessen eine weitere Verabredung gehabt, wären wir vielleicht bis zum Abend nicht weggekommen. Aber man kann sagen, interessant war es dennoch, denn man begegnet nicht so schnell wieder einer solchen Persönlichkeit. Seine Abenteuer klangen gut, doch Musik aus echten Pfeifen klingt noch besser!
Seal Beach, wo sich das Bay Theatre befindet, liegt übrigens südlich von Los Angeles, direkt am Meer. Eine sehr schöne Gegend, weg vom großen Rummel der Großstadt Los Angeles.