Beim Ausflug nach Catalina Island sollten unsere Kameras einmal nicht nur Orgeln zum Fotografieren bekommen, sondern auch touristische Highlights, ist doch Catalina Island eine sehr schöne, naturbelassene Insel vor Los Angeles. Im Prospekt steht sogar: ãNot just an island, another worldÒ - nicht nur eine Insel, eine andere Welt. Schon deshalb freuten wir uns ganz speziell auf diesen Tag.
Theaterorgeln in den USA (5)
John Ledwon holte uns schon sehr früh am Morgen vom Hotel in Hollywood ab und wir fuhren direkt nach Long Beach, von wo die Fähren nach Catalina Island starten. Während der Fahrt erklärte mir John, er hätte gestern Abend noch mit einem Freund telefoniert, welcher auch nach Catalina kommen wolle, denn er hätte Besuch von England und dieser Besuch würde mich sogar kennen ... Tausende von Kilometern fernab von zu Hause kann einem so etwas schon sehr neugierig machen. Wir würden die Leute in Long Beach treffen.
Neben dem Fähren Terminal liegt die legendäre ãQueen MaryÒ von der Englischen Cunard Line (Bild). Gedient hat sie Jahrzehnte im transatlantischen Passagierverkehr, aber auch im zweiten Weltkrieg hat sie große Dienste im Truppentransport geleistet. Nun, an ihrem letzten Liegeplatz dient sie als Hotel. Wir hatten etwas Zeit, bevor unsere Fähre nach Catalina Island wegfuhr und so besuchten wir noch die ehrwürdige Dame. Beim Betreten dieses 80000 Tonnen Riesen fühlt man eine gewisse Ehrfurcht. Durch die Gänge und Säle gehend versucht man sich etwas in die alten Glanzzeiten zu versetzten und in Vorstellungen, was sich wohl da so alles abgespielt hat. Aber es kommen dabei auch Gedanken an die Titanic und deren Schicksal. Anschließend gehen wir zur Fähre und wer winkt da entgegen, ein genau so verrückter Theaterorgel-Fan wie ich, aus Schottland. Wir haben uns oft in Blackpool getroffen. Ich beneide ihn sehr, denn er hat eine eigene Theaterorgel in seinem Haus und ist auch ein sehr guter Spieler.
Der Sheriff als Organist Inzwischen steht die Sonne schon steiler am Himmel. Ein wunderschöner Tag, aber etwas Wind. Die Fähren nach Catalina Island sind modern und schnell. Unser Boot geht absolut mühelos durch die etwas rauhe See. Nach einer Überfahrt von 95 Minuten nähern wir uns der Bucht von Avalon. Man könnte glauben, sich irgendwo in den Griechischen Inseln zu befinden. Wunderschöne Bucht, tief blaues Meer, unzählige Segelboote und ein großes Kreuzfahrtschiff auf Besuch. Auf den kleinen Booten stehen reihenweise Pelikane. Rechts am Ende der Bucht ein großes rundes schneeweisses Gebäude: das Casino von Avaton (Bild). Avalon heißt übrigens ãdas bildhübsche DorfÒ, wo wir an Land gehen. Fast die ganze Insel inklusive Casino gehörte einst dem Kaugummi-Konzern Wrigley. Ah, endlich weg von der Hektik der Großstadt Los Angeles. Hier schnupperten wir totale Ferienstimmung. Avalon ist ein außergewöhnlich nettes Dorf mit etwa 3000 Einwohnern ... und vielen Boutiquen und Souvenirläden. Die Seefahrt macht Appetit, und so gingen wir zunächst einmal in ein Fischrestaurant direkt am Meer. Wir können sogar draußen auf der Terrasse sitzen und das im November. Die Aussicht auf die Bucht und auf das im Sonnenlicht glitzernde Casino ist wunderschön. Aber jetzt steht plötzlich der Sheriff von Avalon, Bob Salisbury, vor uns. Wir werden von ihm abgeholt - natürlich nicht, um ins nächste Gefängnis transportiert zu werden, sondern zum Casino. Der Sheriff ist echt, das Casino aber nicht, denn es heisst nur so. In diesem Gebäude gibt es keinen Spielsaal, sondern nur einen riesengroßen Ballroom und ein sehr schönes Theater.
Und der Sheriff? Er ist neben seinem ehrwürdigen Amt auch noch der Orgelspieler im Ort und sorgt zugleich auch für den Unterhalt der Orgel. Das Casino ist geschlossen, weil im Moment nichts besonderes los ist, aber der Sheriff hat natürlich die nötigen Schlüssel. Er zeigt uns vorerst mal den riesigen Ballroom. An einer Wand gibt es unzählige Bilder von bekannten und legendären Big Bands wie Stan Kanton, Fletscher Henderson, Harry James, Benny Goodmann, Count Basie usw., welche in den Glanzzeiten zum Tanz aufforderten. Damals, als Big Band in Mode war, fuhren an Wochenenden die Fähren fast pausenlos, und immer voll mit Tanzlustigen, die zum Casino wollten. Heute dient der Balltroom mehr für Kongresse.
Eine 4/16 Page Anschließend begeben wir uns zum eigentlichen Ziel unseres Ausfluges, ins Theater des Casinos von Avalon. Man kann nur sagen, sehr beeindruckend. Im Prospekt steht, das Avalon Theater ist ein ãART DECO MASTERPIECEÒ. Und da drinnen steht eine seltene Orgel, eine 4/16 Page. Der Sheriff setzt sich an die Orgel und gibt uns ein schönes Konzert. Der Klang dieser Orgel ist phantastisch. Die Page-Orgel - und vielleicht speziell diejenige von Avalon - ist einmalig sanft. Ich habe zu Hause eine CD von dieser Orgel und habe mir immer gedacht, so weich wie diese Orgel klingt keine andere, und auch vor Ort wird dieser Eindruck bestätigt. Wir trennten uns ungern vom Avalon Theater, aber der Sheriff erinnerte uns an die Abfahrzeit der letzten Fähre. Auf der Überfahrt kam natürlich die ganze Gruppe nochmals ins totale Schwärmen. Es ist zwar sehr weit weg von zu Hause, aber mit so tollen Orgelbesuchen wird man für die Reisestrapazen mehr als entschädigt.
Crystal Cathedral in Long Beach trennte sich die Gruppe, aber John meinte, der Tag sei noch nicht zu Ende, er würde uns gerne auf dem Rückweg noch etwas ganz Spezielles zeigen: die Crystal Catherdral in Garden Grove. Wir hatten etwas Schwierigkeiten, auf Anhieb zu dieser Kathedrale zu gelangen, denn es war bereits dunkel. Zum Glück ragt sie über die anderen Häuser hinweg und so konnten wir das Licht des oberen Teils der Kirche anpeilen, aber mit den kreuz und quer führenden Autobahnen ist es einfacher gesagt als getan. Als wir dann endlich ankamen, war die Kathedrale leider geschlossen. Mir hätte eigentlich schon die beeindruckende Außenansicht genügt, aber John wollte unbedingt hinein. Und so fanden wir einen Eingang zur Administration. Wir schlenderten unbekümmert an einigen offenen Bürotüren vorbei. Am Ende eines Ganges döste eine Wache auf einem bequemen Sofa. Mit etwas logischer Überlegung musste dort ein Eingang zur Kathedrale sein. Und so spazierten wir auf Zehenspitzen an dem ãdösenden UngetümÒ vorbei (er musste wohl gegen die 150 kg gewogen haben). Tatsächlich führte es zum Inneren dieses unglaublichen Bauwerks: eine enorme Stahlkonstruktion mit 11.400 (!) Glasscheiben. Die Hauptorgel ist ein dreistöckiger Aufbau, aber dann gibt es noch drei weitere Pfeifen-Aufbaue und alles ist über zwei Konsolen bedienbar: total 400 Register! Nach all dem Staunen mussten wir nur noch wieder heraus kommen - doch wir hatten Glück und fanden einen Notausgang, der nicht verriegelt war.