Nachdem in der letzten OKEY!-Ausgabe 57 ein wenig über die Vorgeschichte meiner Holland-Kinoorgel-Tour zu lesen war und wie es zu der gemeinsamen Reise mit John Ledwon, Bob Leys und Jack Raves kam, geht es diesmal mit den ersten Eindrücken von der holländischen Theaterorgelszene weiter. Zunächst ging es aber zum Sightseeing nach Amsterdam
Vom Flughafen Schiphol führte uns Jack Raves in die Stadtmitte von Amsterdam. Er wollte uns vorerst ein wenig die Luft der niederländischen Hauptstadt schnuppern lassen und uns mit den berühmten Eigenarten Hollands bekannt machen: wie etwa den Amsterdamer Grachten, den engen Gassen mit den kleinen, aber schmucken, alten Häusern, den vielen Radfahrern und natürlich mit den Klängen der Drehorgeln, welche immer noch Amsterdams Innenstadt beherrschen.
Auch besuchten wir im Herzen der Altstadt Amsterdams älteste Kirche, die Oude Kerk aus dem 13ten Jahrhundert, ein Muss für Städtebummler. Wir hatten Glück, denn während wir so auf den Grabsteinen herumschlenderten (unter dem Boden der Kirche befinden sich Gräber) spielte der Hausorganist an der Pfeifenorgel. Das hat uns so richtig eingestimmt und wir meinten: na dann, lieber Jack, zeig' uns nun was Holland an Theaterorgeln zu bieten hat.
Tuschinski-Orgel in Einzelteilen Das Tuschinski Theater war unser erster Stopp. Der Besuch galt mehr dem eindrücklichen plush Theater, als der 4/10 Wurlitzer/Strunk, denn sie ist im Moment in all ihre Teile zerlegt. Sie wird total überholt. Ich habe anlässlich meiner Reisen einige solche Situationen erlebt und fand immer dieselbe Szenerie: eine ganze Reihe von Helfern, welche eifrig Hand anlegen, um das Monsterwerk einer Totalrevision voranzutreiben. Es war in Amsterdam genau so. Jeder freute sich, zu zeigen, was gerade seine Arbeit ist und sprach gerne darüber, wie stolz er sein wird, wenn die Orgel wieder spielbar ist.
Als wir zurück im Auto waren, meinte Jack er möchte uns auf dem Weg zum nächsten Besuch noch etwas ganz typisch holländisches zeigen: ein Pfannkuchen Restaurant. Bis wir dort ankamen, war es gerade Mittagszeit und unser Hunger war bereits so groß, dass wir ohne Jacks Intervention sicher zwei bis drei dieser Kalorienbomben bestellt hätten. Das Angebot ist enorm, ungefähr 200 (!) verschiedene Pfannkuchen stehen zur Auswahl. Da ist man schnell einmal verleitet, von möglichst vielen etwas probieren zu wollen. Aber Jack warnte uns, dass diese Pfannkuchen sehr groß seien, eine einzige sei bereits eine volle Mahlzeit. Er hatte Recht, nach einem einzigen Pfannkuchen war nicht einmal mehr Platz für eine Nachspeise.
Konzert im Regierungsgebäude Gestärkt unternahmen wir nun den Rest der ersten Etappe nach Voorburg. John Ledwon zeigte die ersten Ermüdungserscheinungen, was aber nicht verwunderlich war, war er doch direkt von seinem Flug aus Los Angeles an diesem Morgen zu uns gestoßen. Aber das Verrückteste kommt erst noch: Ich hatte Jack gebeten, er möge doch versuchen, auf unserer Tour für John ein öffentliches Konzert zu organisieren. Die Zeit dafür war denkbar knapp, denn es sollte ja auch noch Werbung dafür gemacht werden. Aber Jack schaffte es! Doch die einzige Möglichkeit, die sich bot, war Voorburg und das ausgerechnet am ersten Tag nach dem langen Flug von Los Angeles nach Amsterdam. John meinte, er würde das schon schaffen. Von etwas Ausruhen bei der Ankunft in Voorburg konnte aber keine Rede sein, denn John musste sich ja erst noch mit der für ihn unbekannten Orgel bekannt machen und sich einspielen.
Die Standaart Orgel von Voorburg war einst im VARA Broadcasting Studio Complex in Hilversum installiert. Nun steht diese 3/11 Theaterorgel im CBS Gebäude, einem Regierungskomplex. Der Zugang ist stark kontrolliert. Auf ersten Anhieb ist man skeptisch und denkt, was für eine verrückte Idee, eine Theaterorgel in einem Regierungsgebäude unterzubringen. Aber dies lässt sich sehr gut erklären. Als für diese Orgel ein neues Heim gesucht werden musste, waren nur limitierte Finanzen vorhanden und irgendeine Miete zu bezahlen, war undenkbar. Aber man wollte auf alle Fälle weiterhin Konzerte organisieren. Und so war die gebotene Möglichkeit, die Orgel kostenfrei in der großen Kantine des Gebäudes unterzubringen, ein wahrer Glücksfall. Das Gebäude ist modern, bewacht, gut eingerichtet und immer in bestem Zustand. Die Cafeteria bleibt während den Konzerten geöffnet und so können sich die Konzertbesucher vorher noch einen Imbiss gönnen. Während wir uns dies alles genau anschauten, war John schon an der Orgel-Konsole und bereitete seine Registraturen vor. Wir wollten unbedingt, dass er sich mit uns an einen Tisch sitzt und zur Stärkung noch etwas isst, aber wir brachten ihn vom Spieltisch nicht weg. Die ersten Konzertbesucher kamen bereits in den Saal und wir mussten John regelrecht von der Orgelbank zerren. Er war bleich und wir machten uns wegen einer gewissen Unverantwortlichkeit Vorwürfe. Aber es gab ja kein zurück mehr.
Trotz aller Müdigkeit - Johns Konzert war brillant und ein großer Erfolg. Als John mit heftigem Beifall um eine Zugabe gebeten wurde, schaute er auf seine Uhr und teilte dem Publikum mit, dass er seit 38 Stunden kein Bett mehr gesehen habe. Das Encore wollte er aber noch durchstehen. Nachher aber nichts wie los ins Hotel. Das war zwar noch etwa 20 Minuten entfernt, aber der Weg lohnte sich. Jack hatte für uns ein sehr schönes Hotel am Meer inmitten der Dünen reserviert. Es gab sehr viel Wind an diesem Abend, und so war es für uns für den ersten Tag ein echter holländischer Abschluss