REPORTAGE 062

 
 

Für die in der deutschsprachigen Schweiz lebenden Theaterorgelfreunde wurde jüngst ein Traum wahr. Denn in der „Dream Factory“ in Degersheim steht nun die erste spielbare Theaterorgel der Region und dabei handelt es sich gleich um eine der größten Wurlitzer Kinoorgeln auf dem Kontinent.

Degersheim liegt auf 800 Meter in einer sehr schönen hügeligen Gegend im nördlichen Teil des Toggenburg. Von Zürich ist Degersheim über die Autobahn Winterthur-Wil-Uzwil-Flawil in gut einer Stunde erreichbar, mit der Bahn fährt man via St. Gallen, steigt dort auf den Voralpen-Express um und benötigt ungefähr eineinhalb Stunden.

Die Orgel Die jetzt in der Dream Factory installierte dreimanualige Wurlitzer, Opus 0978, war einstfür das Paramount Vorzeigekino Plaza am Piccadilly Circus in London gebaut worden. Das 1896 Plätze fassende Kino-Theater wurde am 1. März 1926 eingeweiht. 1967 musste die Orgel einem Umbau in zwei Kinosäle weichen und landete nach verschiedenen Zwischenstationen bei einem Händler in Schottland. Erst 30 Jahre später kaufte sie in desolatem Zustande ein Sammler und Kinofreak für sein mechanisches Musikmuseum in Ashorne England. Mit der Restauration wurde Paul Camps aus Lemington Spa beauftragt. Nach 5-jähriger intensiver und sehr aufwendiger Restauration ertönte die Orgel im August 2002 zum ersten Mal nach 35 Jahren wie einst im März 1926. Paul Camps hatte die Orgel nicht nur liebevoll restauriert, sondern auch mit neuester Technologie computerisiert. Orgelkonzerte können heute auf Floppy-Disk aufgezeichnet und jederzeit wieder abgespielt werden. Der neue Besitzer konnte sich jedoch nicht lange an der Orgel erfreuen. Schon acht Monate nach dem Eröffnungskonzert verstarb er. Nach 78 Jahren hat diese wunderschöne Wurlitzer hoffentlich jetzt ihren letzten und endgültigen Platz in der Schweiz gefunden.

Die Präsentation Am Freitag, 8. Oktober 2004, wurde die Wurlit-zer Orgel erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf persönliche Einladungen sowie Presseinformationen folgten sage und schreibe etwa 180 Personen. Das Konzert war zwar gratis, aber trotzdem kann man bei einem solchen Echo von einem echten Erfolg sprechen. Schon um 18.00 Uhr kamen die Leute in Scharen, um das Instrument zu besichtigen. Während dieser Zeit und bis zum Konzert um 19.00 Uhr war allerlei los in der Halle. So bot der via Computer gesteuerte Flügel herrliche Klaviermusik - dieser Flügel wird dann später auch über die Orgel spielbar sein. Ferner war als echte Europa-Premiere die „Violano“ zu hören, eine von der Firma QRS entwickelte, via MIDI gesteuerte Violine.
Dann stieg Peter Maurer aus Zürich an die Konsole der Wurlitzer und gab dem Publikum mit ein paar Stücken einen ersten Eindruck vom Klang der Orgel. Ihm folgte John Ledwon aus den USA. Wer Gelegenheit hatte, meine letzten Berichte im OKEY! zu lesen, weiß bereits einiges über John Ledwon. Er ist Hausorganist im El Capitan Theater in Hollywood, welches der Disney Corporation gehört, und so begann John auch sein Programm mit einer Serie von Melodien aus verschiedenen Disney-Filmen. John Ledwon war etwas nervös, auf einer neu installierten Orgel spielen zu müssen. Das Staunen war aber sehr groß, denn die Orgel funktionierte einwandfrei! John würdigte die Arbeit von Paul Camps über alle Maßen und stellte begeistert fest, dass er zuvor noch nie eine neu installierte Orgel ohne kleinste Probleme angetroffen hätte.
Schon seit einigen Jahren besucht uns John meist im Herbst und so packten wir natürlich die Gelegenheit beim Schopfe, ihn für das Eröffnungskonzert zu engagieren. Was für viele Besucher neu war: die Videoübertra-gung auf Leinwand wo man so richtig die Virtuosität des Spielers betrachten kann. Und während das Publikum die Wurlitzer-Klänge genoss, brutzelten in den Nebenräumen bereits zwei Spanferkel für die Verpflegung während der Pause.

Der Initiator Reto Breitenmoser studierte National Ökonomie an der Hochschule St. Gallen. Schon in seiner Jugendzeit hat er sich für Bühne und Zauberei interessiert und wurde in den 70er Jahren als Bauchredner unter seinem Künstlernamen „Retonio“ bekannt. In ihm steckte aber auch schon immer ein leidenschaftlicher Sammler mit einem Hang zu nostalgischen Requisiten. Bald hatte er jeden verfügbaren Quadratmeter voll gestopft mit allem, was in seinen Augen überall auf der Welt Abnehmer finden würde. Inzwischen zählt er weltweit zu den größten Händlern für nostalgische Requisiten und sein Platzbedarf ist enorm gestiegen. Da bot sich ihm die Gelegenheit, eine sehr große Halle zu übernehmen - eine ehemalige Möbelfabrik mit 4000 qm Nutzfläche. An diesem Ort entstand nun „Retonio's Galerie“. Zudem hatte er aber noch weiteres im Sinn: eine Bühne für Zauberei, Shows, Revues, Cabarets, Filme, Stummfilme usw. - und ganz hinten im Kopf steckte auch noch der Wunsch, in seinem Etablissement eine echte Theaterorgel zu installieren. Reto Breitenmoser kennt sich im Showbusiness bestens aus, hatte er doch schon früher das weitum bekannte „Magic Casino“ auf die Beine gestellt. Als Sammler und Enthusiast hatte er schon vor vielen Jahren einmal eine Wurlitzer Theaterorgel in Südafrika gekauft und anschliessend eingelagert. Nur, als er sie dann für dieses Lokal verwenden wollte, war sehr schnell klar, dass die Renovierung viel zu lange Zeit brauchen würde. So hat er sie wieder verkauft und an einer Auktion in England eine sofort spielbare Theaterorgel ersteigern können. Vor dem Erwerb hat er sich auch noch die Zusicherung eingeholt, dass der langjährige Betreuer dieser Orgel, Paul Camps, in die Schweiz kam um die Orgel aufzustellen und spielbar zu machen - eine weise Entscheidung.

Die Dream Factory Eigentlich sprechen die Fotos für sich. Man ist total überwältigt, wenn man das Lokal betritt. So etwas Originelles und Ansprechendes erwartet man in einem solchen kleinen Nest auf dem Lande bestimmt nicht - auch nicht die Größe. Bequem hätten in dieser Halle bis zu 500 Leute Platz. Das ganze ist mit einem Teppich mit dem Dream Factory Logo ausgelegt. Ohne irgendwie aufdringlich zu wirken, stehen Retonios Requisiten herum, von Oldtimer-Autos zu Luxuskarossen, von Dick und Doof in Lebensgrösse zu Marilyn Monroe, von Spielautomaten zum Steinway Konzertflügel, welcher einmal König Edward VII gehörte, von Tanzorgeln zu Orchestrions, von extravaganten Türeingängen zu vielen Tiffany-Fenstern und -Lampen, von allerlei Hollywood Memorabilien bis zur alten Feldküche (Gulaschkanone), von Spieldosen bis zum 10 Meter langen spielenden Roboterband - alles mit sehr viel Flair platziert. Ja, es ist wirklich eine „Traumfabrik“.
Klar, wäre es für viele einfacher, wenn diese „Dream Factory“ in der Nähe des Ballungszentrums Zürich wäre, aber sind wir doch froh, dass es jemand wie Reto Breitenmoser gewagt hat, so eine kolossale Investition zu machen und zudem uns Theaterorgel-Fans noch mit einer Wurlitzer zu überraschen. Übrigens ist diese Wurlitzer im Moment noch in einem Leihvertrag. Reto Breitenmoser hofft, für die die Orgel eine Fan-Gemeinschaft zu gründen, welche um Sponsoren wirbt, damit der endgültige Erwerb sowie der Unterhalt auf lange Zeit gesichert werden kann.