REPORTAGE 063

 
 

Es muss nicht immer Übersee sein. Wir haben auch auf unserem Kontinent einige Raritäten. Nach vielen interessanten Eindrücken während meiner Reise mit John Ledwon durch Holland (OKEY! 57-61) wollten wir uns auch mal in Deutschland umsehen. Um sich etwas in fremden Orgelszenen zu bewegen, ist auch John Ledwon jederzeit bereit, mich zu begleiten - das heißt natürlich, wenn er sich eine Woche von seinem Job im Disney-Theater in Hollywood frei machen kann. Strapazen der langen Reise von und nach Los Angeles nimmt er dafür gerne in Kauf. Und für mich ist seine Begleitung natürlich immer eine große Bereicherung.

Um in möglichst kurzer Zeit sehr viel zu sehen, braucht es für die Planung einen lokalen Kenner. Sven Wortmann aus Frankfurt, in Deutschland sehr bekannter Theaterorgelfan (betreut einige Orgeln und baut für sich selbst eine Theaterorgel auf und gibt auch Konzerte), war für diese Aufgabe der geeignete Partner. Schon bald nach der Idee liefen die Faxmaschinen zwischen Sven und mir heiß. Wie jedes Mal gibt es viel abzustimmen, bis der feste Plan steht, und auch dann gibt es - wie üblich - im letzten Moment Änderungswünsche. Aber wir haben es auch diesmal wieder geschafft. Wir brauchten natürlich auch einen Fahrer, welcher sich in Deutschland auskennt. Der bereits regelmäßige Blackpool-Besucher Peter Valenta aus Würzburg hat sich nicht nur dafür interessiert, sondern war von der Idee, überall auch mit dabei zu sein, sofort begeistert.
Wegen Zeitmangel wollten wir möglichst auf einer Süd-Nord-Achse bleiben und so entstand folgendes Programm: Neu-Isenburg, Weikersheim, Brey, Hamm, Münster, Celle, Hamburg. Es gibt natürlich noch einige weitere Theaterorgeln in Deutschland und wir hoffen diese bei einer anderen Gelegenheit aufsuchen zu können.

Diese Reportage ist ein reiner Reisebericht mit Einsicht in die bestehende Theaterorgelszene und was man dabei so antrifft und erlebt.

Wer eingehend über z.B. die Theaterorgeln und Kinoorgeln in Deutschland informiert sein will, dem ist empfohlen, folgendes Buch zu lesen: „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ von Karl Heinz Dettke (J.B. Metzler Verlag, ISBN 3-476-01297-2).

Compton in Neu-Isenburg Nach dem Konzert auf der Wurlitzer in der Dream Factory in Degersheim, Schweiz, (siehe OKEY! 62) fuhren wir am nächsten Morgen gleich los mit dem Ziel Neu-Isenburg, in der Nähe von Frankfurt, wo für John Ledwon bereits am Nachmittag ein Konzert angesagt war. Ob wir das zeitlich schaffen würden, war sehr in Frage gestellt, denn unterwegs regnete es so stark, dass wir nur mit sehr reduziertem Tempo vorankamen. Aber wir haben es dann doch geschafft. John konnte gerade noch die Orgel seinen Ideen nach registrieren.
Besitzer der 3/11 Compton ist Thomas Richter. Er hat sie vor etwa 4 Jahren übernommen und mit Hilfe von Sven Wortmann revidiert, aufgestellt und spielbar gemacht. Seit etwa 2 Jahren organisiert er für Theaterorgelfans ein paar Konzerte im Jahr. Hauptsächlicher Spieler war bis jetzt Sven Wortmann. Der kleine Saal, in dem die Orgel steht, hat etwa 50 Sitzplätze.
Meine Kernfrage: wie kommt jemand auf die (verrückte) Idee, eine Theaterorgel zu kaufen und bei sich aufzustellen. Im Gespräch kommt man dann immer wieder auf den Punkt „Virus“. Irgendeinmal ist es geschehen, der Virus dringt ein und man wird (will aber auch nicht) ihn nie wieder los. Thomas Richter hatte keine Ahnung von Theaterorgeln. Anlässlich einer Reise nach Amerika mit dem Verein Mechanischer Musikinstrumente war er zu Besuch bei Jasper Sanfilippo in Barrington (bei Chicago) und genau dort passierte es. Als Thomas Richter die 5/80 Wurlitzer sah und zu hören bekam, war die Idee, auch eine Theaterorgel zu besitzen, nicht mehr wegzubringen. Nun ja, total verständlich, denn etwas Schöneres als die 5/80er bei Sanfilippo gibt es wohl kaum (Bericht Sanfilippo siehe OKEY! 41).
Zur Orgel: sie hat John Ledwon gut gefallen. Er hat Erstaunliches aus diesem Instrument herausgeholt. Diese Compton war einst im Regal Cinema in Bridlington in Nordengland installiert. Sie war damals rot-weiß und jetzt ist sie weiß-rot, ansonsten ist es ziemlich dieselbe Orgel. Dem Publikum hat es auch gut gefallen. Für die meisten war der amerikanische Stil neu. Unter den Gästen entdeckten wir auch Thomas Klose - in der Theaterorgel-Szene kein Unbekannter. Thomas Klose ist eine Art „Theatre Organ Encyclopedia“, denn es gibt wahrscheinlich kaum etwas, was er nicht über Theaterorgeln weiß - seine Geschäftskarte: „Theatre Organ Memorabilia“.

Am nächsten Tag ging es nach Weikersheim zum Orgelbauer Laukhuff. Doch darüber mehr in der nächsten Ausgabe.