Auch zum zweiten Wurlitzer-Konzert in der Dream Factory Degersheim kamen am 7. April wieder fast 200 Leute.
Als Reto Breitenmoser die dreimanualige Wurlitzer von der Ashorne Hall in England erwarb und in Degersheim installierte, wusste er: nur Joe Bechter, den er schon seit langem kannte, kann diese Theaterorgel zum Leben bringen. Es ist ja weit herum bekannt, dass Joes Adern vom Wurlitzer-Virus beherrscht sind. Und so war es dann auch nicht erstaunlich, dass Joe Bechter diese Aufgabe mit Elan in Angriff nahm. Schon letzten Oktober fand (bei freiem Eintritt) das Eröffnungskonzert mit Peter Maurer aus Wallisellen und John Ledwon aus Kalifornien statt.
Ich hatte ab und zu die Gelegenheit, mit Joe über seine Pläne zu diskutieren. Er erklärte mir, dass er sich fest mit dem Gedanken befasse, bis auf weiteres Konzerte nur ohne Eintritt zu organisieren, da Theaterorgeln in der Schweiz nicht sehr bekannt sind und man nur mit bestehenden Orgelfans eine Halle von immerhin 1000 qm nie füllen könne. Es müsste eine Gemeinschaft von zusätzlichen Fans dieser wunderbaren Wurlitzer Klänge heranwachsen. Und somit sei es nicht nur logisch, dass mehr Leute kommen, wenn die Konzerte gratis sind, sondern auch, dass diese Leute bestimmt noch Freunde mitbringen würden. Auch ich glaube, er liegt dabei ganz richtig. Dass Joe bereit ist, für eine gewisse Zeit die entstehenden Unkosten auf sich zu nehmen, ist natürlich fantastisch. Wir Orgelfans können über eine solche Einstellung nur dankbar sein. Wir alle sollten aber dabei Joe auch tatkräftig unterstützen und möglichst viele Leute in die Dream Factory mitnehmen, damit die Fangemeinde wächst und die Wurlitzer eine Zukunft hat. Wir können übrigens sehr stolz sein, nach so langer Zeit in der deutschen Schweiz endlich wieder eine Theaterorgel zu haben.
Wie man es schafft, möglichst viele Leute zusammen zu bringen, hat uns Joe eindrucksvoll gezeigt. Er trommelte alles zusammen: seine Verwandten, seinen Freundeskreis, Nachbarn, ja bis zu seinem Hausarzt, Zahnarzt, Treuhänder, Banker, Computer-Spezialisten usw. und siehe da, sie kamen fast alle. Die Werbetrommel lief auch stark unter den Orgelfreunden, speziell unter den Drehorgelfans. Aber auch durch Anzeigen in der Umgebung kamen viele Neugierige.
Nun zum Konzert: Für einige war Kevin Morgan aus England (Bild) kein Unbekannter, konnten sie ihn doch schon einige Male am Orgelfestival in Blackpool hören und bei einem ganz besonderen Anlass im Paramount Studio in Bolton. Der leider inzwischen verstorbene Ronald Curtis spielte an einer Compton Theaterorgel und Kevin Morgan, welcher nicht nur Theaterorgelvirtuose, sonder auch Konzertpianist ist, begleitete ihn am Flügel. Die Kombination Theaterorgel und Flügel ist einmalig, wird aber nur von wenigen ausgeführt. Lasst uns hoffen, dass so ein grandioses Event auch einmal in der Dream Factory stattfinden wird.
Kevin Morgans Programm war durchwegs Happy Music aus der Swing Ära, nebst Latin America Samba und Tango sowie einigen Wiener Medleys. Er demonstrierte eindrücklich wie auf der Orgel auch Big Band gespielt werden kann. So eine Theaterorgel ist ja wirklich wie ein ganzes Orchester. Das Publikum möchte Kevin Morgan bald wieder einmal hören; seine Musik drang in aller Herzen.
Während der Pause gab es für die Hungrigen Spanferkel mit Salat. Für die weniger Hungrigen gab es Sandwiches, auch Kaffee und Kuchen zum Dessert war zur Auswahl. Nach der Pause gab uns Walter Murbach einen kurzen Einblick wie so eine Theaterorgel funktioniert. Anhand einer einzelnen Orgelpfeife demonstrierte er verständlich, welche Präzision dabei vom Orgelbauer verlangt wird. Ebenso erklärte er, was der Organist neben dem Spielen gleichzeitig auch noch alles an dieser mächtigen Konsole beherrschen muss. Dies wurde speziell von den Nichtkennern begrüßt.
Noch ein paar Worte zur Dream Factory: Wer sie noch nicht gesehen hat, darf nicht erst kurz vor dem Konzert eintreffen, denn die Dream Factory ist wirklich eine Traumfabrik. Schon die ganze Eingangsfront ist sehenswert. Wenn man die große Halle betritt, muss man sich in Acht nehmen, dass man nicht eine der vielen lebensgroßen und echt wirkenden Wachsfiguren anspricht und dann keine Antwort erhält. Im Saal stehen hunderte von Memorabilien und Raritäten aus aller Welt, die dort nicht nur als Kulisse stehen, sondern viel Leben in diese riesige Halle bringen. Man kann die grösste Bauchrednersammlung, mechanische Musikinstrumente und Automaten, Oldtimer und vieles mehr bewundern. Fast alles kann auch von Liebhabern erworben werden, und keine Angst, Reto Breitenmoser hat noch viel Nachschub!! Es hat eine große Bühne, auf der rechten Seite steht die Spielkonsole der Theaterorgel und auf der linken ein Konzertflügel. Links und rechts von der Bühne sind die Orgelkammern mit den Schwellklappen. Übrigens: Degersheim ist von allen Seiten auch sehr gut per Bahn erreichbar und die Dream Factory befindet sich unmittelbar hinter dem Bahnhof.
Wie geht es weiter? Für den Sonntag, 23. Oktober 2005, organisiert Joe Bechter ein großes Herbstfest in der Dream Factory. Es soll von Mittag bis Abend dauern, mit allerhand Darbietungen. Selbstverständlich wird die Wurlitzer die Hauptrolle spielen, aber es sind noch einige andere Leckerbissen vorgesehen. Wer Joe Bechter kennt, weiß, dass er, wenn er etwas vor hat, nicht zu bremsen ist. Also dieses Datum unbedingt in die Agenda eintragen - weitere Details gibt es dann im nächsten OKEY!
Ein Bericht von Uschi Zaoui. Sie ist in der Orgelszene eine sehr interessierte und engagierte Person, unterstützt das Orgelsurium in Unterengstringen, besucht fast alle Orgelkonzerte und reist zu den Festivals in England und USA.