REPORTAGE 065

 Nach den Besuchen in Neu-Isenburg und Weikersheim war unser nächstes Ziel in Deutschland die Stadt Koblenz mit der Adresse Compton House an der Römerstrasse in Brey. Ganz klar, dass dort keine andere Orgel als eine Compton stehen kann. Auch hier fanden wir wieder eine Lokalität in Form eines kleinen Theaters mit etwa 30 Sitzplätzen. Besitzer dieser Compton ist Ralf Krampen.

Diese Compton stand schon einmal in einem Compton House. Mit dem großen Kinosterben verschwand auch das mit 2540 Sitzplätzen ausgestattete Regal Cinema von Putney, einem Vorort von London, wo die Compton 1937 in Betrieb genommen wurde. Glücklicherweise konnte die 3/6 Compton Orgel von einem englischen Privatmann erworben werden. Er ließ sie vollständig überholen, baute noch das Register Vox Humana ein und installierte das Instrument in seinem Landsitz in Nordengland, den er prompt Compton House nannte.

Nach dem Tode des Besitzers im Jahre 1989 erwarb Ralf Krampen diese Orgel. Zusammen mit Freunden und Kollegen demontierte er binnen weniger Tage das gesamte Instrument und ließ es nach seinem Wohnort Brey transportieren. Alles wurde sorgfältig geordnet und vorerst einmal eingelagert bis dann Vater und Sohn das Werk im neuen Compton House wieder aufbauen konnten. Beim Einbau kam dann noch ein Chrysoglott dazu. Bis heute ist die illuminierte Glasumran-dung des Spieltisches original erhalten, mit der so viele Theaterorgeln in Großbritannien in jener Zeit ausgestattet wurden. Die manuell und automatisch steuerbaren Lichteffekte schaffen eine ganz eigene Atmosphäre aus längst vergangenen Zeiten.

Zusammen mit Hans Volmerg (Hamm) organisiert Ralf Krampen für Theaterorgelfreaks ein paar Konzerte im Jahr. Ralf Krampen ist einer der wenigen privaten Theaterorgel-Besitzer, welcher sich bei unserem Besuch spontan selbst an die Konsole setzte und uns ein paar schöne Stücke vorspielte. Es ist verständli-cherweise nicht leicht vor einem Profi wie John Ledwon zu spielen; um so mehr haben wir  Ralfs Initiative sehr geschätzt.

ABC Orgelstudio Unser nächster Besuch galt der Stadt Hamm in Westfalen. Hier erwarteten uns zur Abwechslung einmal keine Pfeifenorgel sondern elektronische Theaterorgeln. ABC Orgel Studio heisst das schmucke Haus von Hans Volmerg in Hamm. Es muss wohl die größte Theaterorgelkollektion in einem Privathaus sein, die ich je angetroffen habe. Da gibt es fast alle Theaterorgel-Marken, welche je gebaut wurden: Allen, Rodgers, Conn, Baldwin, Gulbransen, Wurlitzer, Thomas, Lowrey und Hammond. Insgesamt sind es 13 Orgeln und alle spielbar! Im Jahr finden dort zwei bis drei Clubkonzerte statt. Erstaunlicherweise kommen zu solchen Konzerten aber weniger diejenigen, die selbst Orgel spielen, sondern meist solche, die ganz einfach den besonderen und einmaligen Sound der Theaterorgel mögen.

Wann hat aber dieser sonderliche Virus, von dem wir immer reden, den Hans Vollmerg erwischt?  Es waren die Sendungen (nach dem 2. Weltkrieg) mit der Welte Rundfunkorgel in Hamburg, gespielt von Gerhard Gregor und Horst Schimmelpfennig. Er war total fasziniert und bald kam die erste Orgel ins Haus Vollmerg: eine kleine Wurlitzer. Obwohl sehr zufrieden mit dieser Orgel fand er doch viel Interesse an der Klangverschiedenheit anderer Fabrikate und konnte es nicht lassen, nach und nach auch noch diese und jene in sein Haus zu bringen.

Hans Volmerg sammelt aber nicht nur Theaterorgeln, sondern so alles was mit diesen Instrumenten zu tun hat. In seiner Kollektion gibt es einige Raritätenbilder von Theaterorgeln. Die Wände sind voll von Fotografien von namhaften Theaterorgel-Virtuosen - die meisten davon haben auch schon im Hause Volmerg gespielt.

2/6 Wurlitzer in Münster Weiter ging es am selben Tag noch nach Münster zur Orgelbaufirma Fleiter. Dort steht im Atelier des Orgelbauers eine 2/6 Wurlitzer, Model „Style D“. Die „Style D“ Wurlitzer ist heute eine Rarität geworden. Berühmt ist sie noch immer wegen ihrer herrlichen Klangzusammenstellung mit 6 optimalen Registern.

Dieses Instrument  wurde seinerzeit für ein Restaurant in Hollywood gebaut. Später kam die Orgel in Privatbesitz zu Dr. Stocker in San Bernardino, Kalifornien, wo sie bis 1995 stand. Dr. Stocker ist während dieser Zeit dreimal umgezogen, hat aber die Orgel jedes Mal mitgenommen. Dann erwarb sie Friedhelm Fleiter und brachte sie nach Münster. Obwohl diese Wurlitzer nur mit 6 Ranks ausgestattet ist, bringt sie ein unwahrscheinliches Volumen hervor und hat einen außerordentlich vollen Klang. John Ledwon war sehr gespannt auf diesen Besuch, denn die so genannte „Dr. Stocker Orgel“ hatte er selbst verschiedentlich in Amerika gespielt. Er sagte, er wäre jedes mal wieder überrascht gewesen von den Qualitäten dieser besonderen Orgel. Tatsächlich hat sie lt. John Ledwon nichts eingebüßt und er war außerordentlich erfreut, dass dieses feine Instrument eine neue Bleibe gefunden hat, wo sie auch bestimmt in guter Pflege ist.