REPORTAGE 066

 

 

Mit unserem heutigen vierten Bericht beschließen wir unsere kleine Theaterorgel-Reise durch Deutschland. In den letzten drei Ausgaben von OKEY waren wir in Neu-Isenburg, Weikersheim, Brey, Hamm und Münster. Unsere letzten Etappen sind die beeindruckende 3/11 Wurlitzer von Willi Wiesinger in Celle und – sie darf natürlich nicht fehlen – die berühmte Welte Funkorgel beim NDR in Hamburg.

Begeben wir uns also zunächst nach Celle, genau genommen nach Groß Hehlen. Man hatte uns bereits vorgewarnt, dass wir dort etwas wirklich Außergewöhnliches antreffen würden. Auf meinen mittlerweile zahlreichen Orgelreisen habe ich bezüglich Orgelenthusiasmus oder sogar -fanatismus ja nun schon viel Erstaunliches gesehen und erlebt. Aber was wir bei Willi Wiesinger in Celle angetroffen haben, übertrifft alles! Im Jahre 1989 hat er in Amerika eine 3/11 Wurlitzer gekauft, und seither ist er fast täglich damit beschäftigt, diese zu zerlegen, zu überholen, die technische Eigenart dokumentarisch zu erfassen und nebenbei noch die komplette Historie dieser Orgel zu verfolgen. Selbst vor baulichen Veränderungen am eigenen Haus schreckte er dabei nicht zurück.

3/11 Wurlitzer in Celle Mit John Ledwon und Willi Wiesinger kamen bei unserem Besuch wirklich zwei Profis zusammen. John, der seine 4/52 Rank Wurlitzer ebenfalls weitgehend allein in sein Haus in Kalifornien eingebaut hat, weiss, von was Herr Wiesinger redet. Die Fach-Diskussion zwischen den beiden lief heiß; mir blieb fast keine Gelegenheit allerhand Fragen zu stellen. Was ich hier über Wiesinger und die Orgel schreibe musste ich mir mühsam aus Unterlagen zusammenstellen. Aber das spielt natürlich keine Rolle. Hauptsache ist, dass die beiden einmal so richtig ihr Fachwissen und ihre Erfahrungen austauschen konnten.

Im Alter von 58 Jahren ging Willi Wiesinger, Stabsfeldwebel bei der Bundeswehr, in Rente und stand vor einer großen Entscheidung: entweder die Welt bereisen oder aber sich den Traum erfüllen, eine Theaterorgel aufzubauen. Zusammen mit seiner Frau haben sie sich schließlich für die Theaterorgel entschieden (auch bei Frau Wiesinger hat der Theaterorgel-Virus mächtig zugeschlagen). Und so kam dann 1989 bei den Wiesingers in Celle der Traum an: ein zwölf Meter langer Container aus Kalifornien. Die 800 Pfeifen, 11 Register, der mächtige Spieltisch, die Perkussionsinstrumente und der Winderzeuger waren sechs Tonnen schwer. Seither dreht sich im Hause der Wiesingers alles um eines: die Wurlitzer!

Nun zur Historie der Orgel. Die Wurlitzer Opus 394 wurde für das Warwick Theater in Kansas City gebaut und verließ das Werk in Tonawanda am 23. Februar des Jahres 1921. Als in den 30er Jahren durch den Tonfilm viele Theaterorgeln aus den Kinos verbannt wurden, fand die Orgel ihren Platz in einer Radiostation in Dayton (Ohio). An der Konsole beim Eröffnungskonzert: Amerikas damals wohl bekanntester Theater-Organist - Jesse Crawford.

Als im Radio Theaterorgelmusik auch nicht mehr gefragt war, landete die Orgel wie viele andere in einer Kirche. Dort verblieb sie von 1945 bis 1963. Zu dieser Zeit begannen viele Enthusiasten, Theaterorgeln in ihre Privathäuser einzubauen. Unsere Wurlitzer fand ein neues Zuhause in Milford. 1975 wurde sie dann aber wieder verkauft, und zwar an die Orgelbaufirma Junchen & Collins in Darlington (Illinois). Übrigens: David L. Junchen von Junchen & Collins war der Herausgeber der bekannten Bände über Theaterorgeln: „Encyclopedia of the American Theatre Organ“. Schon im gleichen Jahr verkaufte Junchen die Orgel an ein (Pizza-) Restaurant, was zu der Zeit hier und da in Mode kam. Im Jahr 1981 stand dann schon wieder ein Eigentümerwechsel an. Bis 1989 war sie bei einem amerikanischen Wissenschaftler in Kalifornien untergebracht. Und nun erschien das Inserat, welches das Leben der Familie Wiesinger verändert hat. Im Magazin der ATOS (American Society of Theatre Organs) war eines Tages zu lesen: „Wurlitzer Opus 394 for sale“. Die Wiesingers waren gerade auf einer USA Reise und konnten unverzüglich das Instrument begutachten. Und es kam zum Kauf!

Willi Wiesinger hat nicht nur die ganze Historie dieser Orgel genau recherchiert, sondern er hat auch sämtliche Orte aufgesucht, an denen sein „neues Spielzeug“ einmal stand. Das alles gibt ihm eine besondere Verbundenheit zum Instrument und dessen Geschichte. Zurzeit dauern die Arbeiten an der Orgel im Hause Wiesinger noch an. Und wann soll das ganze Werk erklingen? Wenn weiterhin alles gut läuft in just ein paar Monaten. Also: Toi, toi, Herr und Frau Wiesinger! Wir wünschen Euch, bald den großen Moment erleben zu dürfen. Und bis dahin, na ja, da steht ja noch eine Rodgers (Bild rechts) im Haus. Orgelklänge gab und gibt es im Hause Wiesinger eben zu jeder Zeit.

Was auch noch erwähnenswert ist: während dieser ganzen Arbeit an der eigenen  Wurlitzer Opus 394 half Willi Wiesinger nebenher noch der Firma Fleiter in Münster, die ebenfalls in Kalifornien gekaufte STYLE D Wurlitzer (siehe OKEY! Nr. 65) aufzubauen.

Welte Funkorgel des NDR Nach unserem Besuch bei den Wiesingers sind wir nach Hamburg gefahren, um zum Abschluss unserer Reise noch eine Welte-Orgel zu hören. Und wenn man an Welte denkt, ist man natürlich sofort bei der berühmten Welte Funkorgel beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). Wir wurden beim NDR vom Kurator der Orgel, Herrn Jürgen Lamke, sehr nett empfangen. Er stellte uns alle Zeit zur Verfügung, um die Orgel genau studieren und auch spielen zu können. Anschließend bekamen wir noch eine Führung durch die Orgelkammern. Beeindruckend ist die Bereitwilligkeit der Besitzer dieser Orgel,  diese zu unterhalten und zu pflegen, obwohl sie ja eigentlich gar nicht mehr für Sendungen, etc. verwendet wird. Es gäbe viel zu schreiben über die Welte Funkorgel, über ihre Organisten und die glorreiche Vergangenheit dieses Instrumentes in vielen Rundfunksen-dungen. Aber darüber wurde ja bereits vor nicht allzu langer Zeit in OKEY! ausführlich berichtet (siehe OKEY! 54).

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