Mit unserem heutigen vierten Bericht beschließen wir unsere
kleine Theaterorgel-Reise durch Deutschland. In den letzten drei
Ausgaben von OKEY waren wir in Neu-Isenburg, Weikersheim, Brey,
Hamm und Münster. Unsere letzten Etappen sind die beeindruckende
3/11 Wurlitzer von Willi Wiesinger in Celle und – sie darf
natürlich nicht fehlen – die berühmte Welte Funkorgel beim NDR
in Hamburg.
Begeben wir uns also zunächst nach Celle, genau genommen nach
Groß Hehlen. Man hatte uns bereits vorgewarnt, dass wir dort
etwas wirklich Außergewöhnliches antreffen würden. Auf meinen
mittlerweile zahlreichen Orgelreisen habe ich bezüglich
Orgelenthusiasmus oder sogar -fanatismus ja nun schon viel
Erstaunliches gesehen und erlebt. Aber was wir bei Willi
Wiesinger in Celle angetroffen haben, übertrifft alles! Im Jahre
1989 hat er in Amerika eine 3/11 Wurlitzer gekauft, und seither
ist er fast täglich damit beschäftigt, diese zu zerlegen, zu
überholen, die technische Eigenart dokumentarisch zu erfassen
und nebenbei noch die komplette Historie dieser Orgel zu
verfolgen. Selbst vor baulichen Veränderungen am eigenen Haus
schreckte er dabei nicht zurück.
3/11 Wurlitzer in Celle
Mit John Ledwon und Willi Wiesinger kamen bei unserem Besuch
wirklich zwei Profis zusammen. John, der seine 4/52 Rank
Wurlitzer ebenfalls weitgehend allein in sein Haus in
Kalifornien eingebaut hat, weiss, von was Herr Wiesinger redet.
Die Fach-Diskussion zwischen den beiden lief heiß; mir blieb
fast keine Gelegenheit allerhand Fragen zu stellen. Was ich hier
über Wiesinger und die Orgel schreibe musste ich mir mühsam aus
Unterlagen zusammenstellen. Aber das spielt natürlich keine
Rolle. Hauptsache ist, dass die beiden einmal so richtig ihr
Fachwissen und ihre Erfahrungen austauschen konnten.
Im Alter von 58 Jahren ging Willi Wiesinger, Stabsfeldwebel bei
der Bundeswehr, in Rente und stand vor einer großen
Entscheidung: entweder die Welt bereisen oder aber sich den
Traum erfüllen, eine Theaterorgel aufzubauen. Zusammen mit
seiner Frau haben sie sich schließlich für die Theaterorgel
entschieden (auch bei Frau Wiesinger hat der Theaterorgel-Virus
mächtig zugeschlagen). Und so kam dann 1989 bei den Wiesingers
in Celle der Traum an: ein zwölf Meter langer Container aus
Kalifornien. Die 800 Pfeifen, 11 Register, der mächtige
Spieltisch, die Perkussionsinstrumente und der Winderzeuger
waren sechs Tonnen schwer. Seither dreht sich im Hause der
Wiesingers alles um eines: die Wurlitzer!
Nun zur Historie der Orgel. Die Wurlitzer Opus 394 wurde für das
Warwick Theater in Kansas City gebaut und verließ das Werk in
Tonawanda am 23. Februar des Jahres 1921. Als in den 30er Jahren
durch den Tonfilm viele Theaterorgeln aus den Kinos verbannt
wurden, fand die Orgel ihren Platz in einer Radiostation in
Dayton (Ohio). An der Konsole beim Eröffnungskonzert: Amerikas
damals wohl bekanntester Theater-Organist - Jesse Crawford.
Als im Radio Theaterorgelmusik auch nicht mehr gefragt war,
landete die Orgel wie viele andere in einer Kirche. Dort
verblieb sie von 1945 bis 1963. Zu dieser Zeit begannen viele
Enthusiasten, Theaterorgeln in ihre Privathäuser einzubauen.
Unsere Wurlitzer fand ein neues Zuhause in Milford. 1975 wurde
sie dann aber wieder verkauft, und zwar an die Orgelbaufirma
Junchen & Collins in Darlington (Illinois). Übrigens: David L.
Junchen von Junchen & Collins war der Herausgeber der bekannten
Bände über Theaterorgeln: „Encyclopedia of the American Theatre
Organ“. Schon im gleichen Jahr verkaufte Junchen die Orgel an
ein (Pizza-) Restaurant, was zu der Zeit hier und da in Mode
kam. Im Jahr 1981 stand dann schon wieder ein Eigentümerwechsel
an. Bis 1989 war sie bei einem amerikanischen Wissenschaftler in
Kalifornien untergebracht. Und nun erschien das Inserat, welches
das Leben der Familie Wiesinger verändert hat. Im Magazin der
ATOS (American Society of Theatre Organs) war eines Tages zu
lesen: „Wurlitzer Opus 394 for sale“. Die Wiesingers waren
gerade auf einer USA Reise und konnten unverzüglich das
Instrument begutachten. Und es kam zum Kauf!
Willi Wiesinger hat nicht nur die ganze Historie dieser Orgel
genau recherchiert, sondern er hat auch sämtliche Orte
aufgesucht, an denen sein „neues Spielzeug“ einmal stand. Das
alles gibt ihm eine besondere Verbundenheit zum Instrument und
dessen Geschichte. Zurzeit dauern die Arbeiten an der Orgel im
Hause Wiesinger noch an. Und wann soll das ganze Werk erklingen?
Wenn weiterhin alles gut läuft in just ein paar Monaten. Also:
Toi, toi, Herr und Frau Wiesinger! Wir wünschen Euch, bald den
großen Moment erleben zu dürfen. Und bis dahin, na ja, da steht
ja noch eine Rodgers (Bild rechts) im Haus. Orgelklänge gab und
gibt es im Hause Wiesinger eben zu jeder Zeit.
Was auch noch erwähnenswert ist: während dieser ganzen Arbeit an
der eigenen Wurlitzer Opus 394 half Willi Wiesinger
nebenher noch der Firma Fleiter in Münster, die ebenfalls in
Kalifornien gekaufte STYLE D Wurlitzer (siehe OKEY! Nr. 65)
aufzubauen.
Welte Funkorgel des NDR
Nach unserem Besuch bei den Wiesingers sind wir nach Hamburg
gefahren, um zum Abschluss unserer Reise noch eine Welte-Orgel
zu hören. Und wenn man an Welte denkt, ist man natürlich sofort
bei der berühmten Welte Funkorgel beim Norddeutschen Rundfunk
(NDR). Wir wurden beim NDR vom Kurator der Orgel, Herrn Jürgen
Lamke, sehr nett empfangen. Er stellte uns alle Zeit zur
Verfügung, um die Orgel genau studieren und auch spielen zu
können. Anschließend bekamen wir noch eine Führung durch die
Orgelkammern. Beeindruckend ist die Bereitwilligkeit der
Besitzer dieser Orgel, diese zu unterhalten und zu
pflegen, obwohl sie ja eigentlich gar nicht mehr für Sendungen,
etc. verwendet wird. Es gäbe viel zu schreiben über die Welte
Funkorgel, über ihre Organisten und die glorreiche Vergangenheit
dieses Instrumentes in vielen Rundfunksen-dungen. Aber darüber
wurde ja bereits vor nicht allzu langer Zeit in OKEY!
ausführlich berichtet (siehe OKEY! 54).