REPORTAGE 067

 

 

Die „American Theatre Organ Society“, kurz ATOS genannt, hat sich in den Vereinigten Staaten besonders um den Erhalt und die Restaurierung der ehrwürdigen Instrumente verdient gemacht. Grund genug, unseren Lesern diese Vereinigung einmal näher vorzustellen.

ATOS 50th Annual Convention

Zur Erinnerung: die Theaterorgel wurde für das „Entertainment“  gebaut. Sie wurde ab Anfang des 20. Jahrhunderts für die Begleitung von Stummfilmen gebaut. Damals wurde sie auch meist Kinoorgel genannt, und revolutionierte die ganze Filmindustrie. Durch den Irrgarten von Tastaturen, Wippen, Pedalen, Pfeifen, Perkussionen und anderen musikalischen Effekten kann dieses Instrument nämlich den Klang und das Volumen eines ganzen Orchesters produzieren. Für die populäre Musik dieser Zeit war dieses Instrument perfekt und wurde in allen größeren Kinosälen installiert. Ab Ende der 20er Jahre kam dann der Tonfilm und die Theaterorgel wurde verdrängt. Das Instrument musste neue Standorte, wie Radio-Studios, Konzertsäle oder Tanzpaläste finden. Und dank der ATOS ist dies auch häufig gelungen.

Was ist die ATOS? Ziel und Zweck dieser Organisation ist „Preserving a unique art form“, also  „Erhalt einer einmaligen Kunstform“. Es gibt kaum eine packendere musikalische Erfahrung als den „Sound“ einer großen Theater-Pfeifenorgel zu hören. Die einmalige Zusammensetzung von musikalischer Kraft und königlicher Aura machen diese mächtigen Instrumente für die Mitglieder der ATOS zum erhaltenswerten „Treasure“ (Schatz). Kaum ein anderes Instrument hat die Eleganz, die Vielfältigkeit an Klängen und die technische Komplexität wie eine große Theaterorgel. Die ATOS wurde vor 50 Jahren in Kalifornien von einer Gruppe von 33 Personen gegründet und umfasst heute weltweit über 8000 Mitglieder. Zu den Mitgliedern zählen Musik-Liebhaber, Musiker, aber auch Techniker sowie an historisch erhaltenswerten Objekten interessierte Personen.

Was bietet die ATOS? Die ATOS ist weltweit in 75 „Chapters“  aufgeteilt. Für eine Mitgliedschaft für Kontinental-Europäer ist das London Chapter das am nächsten liegende. Der Jahresbeitrag beträgt £  46.-. Die ATOS organisiert pro Jahr ein nationales Festival, sowie einige lokale Festivals. Das nationale Festival dauert jeweils 4-5 Tage und wird von ungefähr 800 Personen besucht. Die lokalen Festivals sind etwas kürzer und versammeln durchschnittlich 200-300 Besuchern. Anlässlich dieser Festivals, in Amerika auch „Conventions“ genannt, kommt man nicht nur in den einmaligen Genuss, die Topp-Theaterorganisten aus aller Welt zu hören, sondern auch die wunderschöne, häufig äußerst pompös gestalteten Theater zu sehen, in denen die Instrumente heute stehen.

Die ATOS publiziert im Abstand von 2 Monaten ein etwa 80 Seiten umfassendes Journal. Berichte über Konzerte und Aktivitäten der Chapter , über Stummfilmvorführungen, Neuerscheinungen von Tonträgern, Porträts von Organisten, Restaurationen von Instrumenten usw. sind darin zu finden. Es gibt auch immer sehr schöne farbige Bilder sowohl von den Theaterorgel-Konsolen, als auch den Theatern bzw. Sälen, in denen die Orgeln installiert sind. Vor kurzem ist ein sehr schönes Extraheft zum 50-jährigen Jubiläum der ATOS erschienen.

ATOS Festival Juli 2005 Ich wollte wieder einmal dabei sein, denn es ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Wie ich schon früher berichtete ist allerdings so ein Theaterorgel Festivalbesuch in Amerika auch mit einigen Strapazen verbunden. Schon der ca. 11 Stunden dauernde Flug nach Los Angeles und dazu noch die Zeitverschiebung von 9 Stunden sind für den Anfang schon etwas belastend. Dazu kommt, dass man ja zu den Orgeln fahren muss! So ein Tag fängt an mit Frühstück im Hotel um 6 Uhr, denn die Busse fahren schon um 7 Uhr weg. Fahrzeiten von einem Theater zum anderen sind oft 1-2 Stunden. Am Abend ist man selten vor 22 Uhr zurück! „Puh“, was für ein Programm, aber „Oh“, was für einmalige Darbietungen!!

Ausgangspunkt der diesjährigen Reise war das noble Pasadena bei Los Angeles.  Besucht wurden:

• Roosevelt Memorial Park mit einer 4/17 „outdoor“ Wurlitzer. Diese Orgel hat den Titel „Mighty“ in allen Ehren verdient, denn sie wurde gebaut, um sie noch im Umkreis von 15 km zu hören. Heute wird sie jedoch aufgrund massiver Widerstände aus der umliegenden Nachbarschaft nicht mehr so laut gespielt

• Paramount Iceland mit einer 3/19 Wurlitzer, wird täglich für die Eisläufer gespielt.

• Pasadena Civic Auditorium, hier eine 5/28 Möller und zudem noch eine 5/104 Walker, die zurzeit die größte digitale Orgel der Welt darstellt.

• Plummer Auditorium,  4/37 Wurlitzer

• South Pasadena High School, 3/10 Wurlitzer

• Hollywood’s Disney El Capitan Theatre, 4/37 Wurlitzer (ex Fox San Francisco), ein Bild dieser Orgel sehen Sie links

• San Gabriel Civic Auditorium, 3/10 Wurlitzer

• Wilshire-Ebell Theatre, 3/13 Barton

• Pasadena City College, 4/24 Wurlitzer

• South Pasadena Rialto Theatre, 3/24 Allen Quantum digital Organ

• Downtown Los Angeles Orpheum Theatre, 3/14 Wurlitzer

• Walt Disney Concert Hall. Das mit 20 Millionen Dollar von der Disney Corporation gesponserte Konzertgebäude mit einer avantgardistisch präsentierten Orgel von Glatter-Götz Orgelbau wurde am  30.9.2004 eröffnet.

• Lady of Angels, die Kathedrale von Los Angeles

• San Sylmar 4/74 Wurlitzer, sie steht in der „Nethercut Colletion of restored antique and classic automobiles“.

• Organhouse von John Ledwon,. Die hier installierte 4/52 Wurlitzer ist die größte in Privatbesitz befindliche Wurlitzer-Orgel im Westen der USA.

Die große Prominenz von amerikanischen Top-Spielern war auf unserer Reise zu hören: Chris Gorsuch, Bill Erwin, Rob Richards, Jelani Eddington, Carlo Curley, Jonas Nordwall, Bob Mitchell, Walt Strony, Tom Hazleton, Dan Bellomy, John Ledwon, Barry Baker, Lyn Larsen. Besonders erwähnenswert war das Konzert in der beeindruckenden „Disney Concert Hall“, sowie die Stummfilmvorführung im Orpheum Theater, mit dem Film „Wings“. Volle Begeisterung fand die „Young Organist Competition“  mit Mark Hermann, Ian House und dem erst im Jahre 1990 geborenen David Gray, alle drei aus England. Ohne hinzuschauen hätte man bei David Gray geglaubt, ein erfahrener Organist würde an der Konsole sitzen. Aber gerade das Hinschauen war so interessant, denn der noch sehr kleine David musste sich auf der Orgelbank enorm bewegen, um sämtliche Pedale zu erreichen. David hat das Publikum im Sturm erobert und bekam auch den 1. Preis.

Ein ganz besonderer Höhepunkt der diesjährigen ATOS Convention war der Besuch der Hollywood Bowl am 4. Juli, dem amerikanischer Nationalfeiertag. Von Bildern her kennen sicher die meisten diesen grossen Konzertpavillon in den Hügeln von Los Angeles. Am Eingang des Parks steht: „Dies ist das grösste Amphitheater der Welt“, es bietet Platz für 18.000 Personen und war an diesem Abend total ausgebucht!“ Gefeiert wurde nebst dem Nationalfeiertag auch das 50-jährige Bestehen von Disneyland. Das Zusammenspiel der Dämmerung am Horizont mit einer frischen Brise Wind, das randvolle Amphitheater und die ständig wechselnde Beleuchtung des Pavillons, das imposante Feuerwerk und auf der Bühne das 80 Personen starke Symphonieorchester mit zusätzlichem 40 Sänger starkem Chor, all dies sorgte für einen wirklich ganz besonderen Eindruck. Beachtenswert war auch der überall gegenwärtige amerikanische Patriotismus an dieser Nationalfeiertags-Veranstaltung, die Fotos sprechen für sich!

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