Die „American Theatre Organ Society“, kurz ATOS genannt,
hat sich in den Vereinigten Staaten besonders um den Erhalt und
die Restaurierung der ehrwürdigen Instrumente verdient gemacht.
Grund genug, unseren Lesern diese Vereinigung einmal näher
vorzustellen.
ATOS 50th Annual Convention
Zur Erinnerung: die Theaterorgel wurde für das „Entertainment“
gebaut. Sie wurde ab Anfang des 20. Jahrhunderts für die
Begleitung von Stummfilmen gebaut. Damals wurde sie auch meist
Kinoorgel genannt, und revolutionierte die ganze Filmindustrie.
Durch den Irrgarten von Tastaturen, Wippen, Pedalen, Pfeifen,
Perkussionen und anderen musikalischen Effekten kann dieses
Instrument nämlich den Klang und das Volumen eines ganzen
Orchesters produzieren. Für die populäre Musik dieser Zeit war
dieses Instrument perfekt und wurde in allen größeren Kinosälen
installiert. Ab Ende der 20er Jahre kam dann der Tonfilm und die
Theaterorgel wurde verdrängt. Das Instrument musste neue
Standorte, wie Radio-Studios, Konzertsäle oder Tanzpaläste
finden. Und dank der ATOS ist dies auch häufig gelungen.
Was ist die ATOS? Ziel und Zweck dieser Organisation ist „Preserving
a unique art form“, also „Erhalt einer einmaligen
Kunstform“. Es gibt kaum eine packendere musikalische Erfahrung
als den „Sound“ einer großen Theater-Pfeifenorgel zu hören. Die
einmalige Zusammensetzung von musikalischer Kraft und
königlicher Aura machen diese mächtigen Instrumente für die
Mitglieder der ATOS zum erhaltenswerten „Treasure“ (Schatz).
Kaum ein anderes Instrument hat die Eleganz, die Vielfältigkeit
an Klängen und die technische Komplexität wie eine große
Theaterorgel. Die ATOS wurde vor 50 Jahren in Kalifornien von
einer Gruppe von 33 Personen gegründet und umfasst heute
weltweit über 8000 Mitglieder. Zu den Mitgliedern zählen
Musik-Liebhaber, Musiker, aber auch Techniker sowie an
historisch erhaltenswerten Objekten interessierte Personen.
Was bietet die ATOS? Die ATOS ist weltweit in 75 „Chapters“
aufgeteilt. Für eine Mitgliedschaft für Kontinental-Europäer ist
das London Chapter das am nächsten liegende. Der Jahresbeitrag
beträgt £ 46.-. Die ATOS organisiert pro Jahr ein
nationales Festival, sowie einige lokale Festivals. Das
nationale Festival dauert jeweils 4-5 Tage und wird von ungefähr
800 Personen besucht. Die lokalen Festivals sind etwas kürzer
und versammeln durchschnittlich 200-300 Besuchern. Anlässlich
dieser Festivals, in Amerika auch „Conventions“ genannt, kommt
man nicht nur in den einmaligen Genuss, die
Topp-Theaterorganisten aus aller Welt zu hören, sondern auch die
wunderschöne, häufig äußerst pompös gestalteten Theater zu
sehen, in denen die Instrumente heute stehen.
Die ATOS publiziert im Abstand von 2 Monaten ein etwa 80 Seiten
umfassendes Journal. Berichte über Konzerte und Aktivitäten der
Chapter , über Stummfilmvorführungen, Neuerscheinungen von
Tonträgern, Porträts von Organisten, Restaurationen von
Instrumenten usw. sind darin zu finden. Es gibt auch immer sehr
schöne farbige Bilder sowohl von den Theaterorgel-Konsolen, als
auch den Theatern bzw. Sälen, in denen die Orgeln installiert
sind. Vor kurzem ist ein sehr schönes Extraheft zum 50-jährigen
Jubiläum der ATOS erschienen.
ATOS Festival Juli 2005 Ich wollte wieder einmal dabei sein,
denn es ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Wie ich schon
früher berichtete ist allerdings so ein Theaterorgel
Festivalbesuch in Amerika auch mit einigen Strapazen verbunden.
Schon der ca. 11 Stunden dauernde Flug nach Los Angeles und dazu
noch die Zeitverschiebung von 9 Stunden sind für den Anfang
schon etwas belastend. Dazu kommt, dass man ja zu den Orgeln
fahren muss! So ein Tag fängt an mit Frühstück im Hotel um 6
Uhr, denn die Busse fahren schon um 7 Uhr weg. Fahrzeiten von
einem Theater zum anderen sind oft 1-2 Stunden. Am Abend ist man
selten vor 22 Uhr zurück! „Puh“, was für ein Programm, aber
„Oh“, was für einmalige Darbietungen!!
Ausgangspunkt der diesjährigen Reise war das noble Pasadena bei
Los Angeles. Besucht wurden:
• Roosevelt Memorial Park mit einer 4/17 „outdoor“ Wurlitzer.
Diese Orgel hat den Titel „Mighty“ in allen Ehren verdient, denn
sie wurde gebaut, um sie noch im Umkreis von 15 km zu hören.
Heute wird sie jedoch aufgrund massiver Widerstände aus der
umliegenden Nachbarschaft nicht mehr so laut gespielt
• Paramount Iceland mit einer 3/19 Wurlitzer, wird täglich für
die Eisläufer gespielt.
• Pasadena Civic Auditorium, hier eine 5/28 Möller und zudem
noch eine 5/104 Walker, die zurzeit die größte digitale Orgel
der Welt darstellt.
• Plummer Auditorium, 4/37 Wurlitzer
• South Pasadena High School, 3/10 Wurlitzer
• Hollywood’s Disney El Capitan Theatre, 4/37 Wurlitzer (ex Fox
San Francisco), ein Bild dieser Orgel sehen Sie links
• San Gabriel Civic Auditorium, 3/10 Wurlitzer
• Wilshire-Ebell Theatre, 3/13 Barton
• Pasadena City College, 4/24 Wurlitzer
• South Pasadena Rialto Theatre, 3/24 Allen Quantum digital
Organ
• Downtown Los Angeles Orpheum Theatre, 3/14 Wurlitzer
• Walt Disney Concert Hall. Das mit 20 Millionen Dollar von der
Disney Corporation gesponserte Konzertgebäude mit einer
avantgardistisch präsentierten Orgel von Glatter-Götz Orgelbau
wurde am 30.9.2004 eröffnet.
• Lady of Angels, die Kathedrale von Los Angeles
• San Sylmar 4/74 Wurlitzer, sie steht in der „Nethercut
Colletion of restored antique and classic automobiles“.
• Organhouse von John Ledwon,. Die hier installierte 4/52
Wurlitzer ist die größte in Privatbesitz befindliche
Wurlitzer-Orgel im Westen der USA.
Die große Prominenz von amerikanischen Top-Spielern war auf
unserer Reise zu hören: Chris Gorsuch, Bill Erwin, Rob Richards,
Jelani Eddington, Carlo Curley, Jonas Nordwall, Bob Mitchell,
Walt Strony, Tom Hazleton, Dan Bellomy, John Ledwon, Barry
Baker, Lyn Larsen. Besonders erwähnenswert war das Konzert in
der beeindruckenden „Disney Concert Hall“, sowie die
Stummfilmvorführung im Orpheum Theater, mit dem Film „Wings“.
Volle Begeisterung fand die „Young Organist Competition“
mit Mark Hermann, Ian House und dem erst im Jahre 1990 geborenen
David Gray, alle drei aus England. Ohne hinzuschauen hätte man
bei David Gray geglaubt, ein erfahrener Organist würde an der
Konsole sitzen. Aber gerade das Hinschauen war so interessant,
denn der noch sehr kleine David musste sich auf der Orgelbank
enorm bewegen, um sämtliche Pedale zu erreichen. David hat das
Publikum im Sturm erobert und bekam auch den 1. Preis.
Ein ganz besonderer Höhepunkt der diesjährigen ATOS Convention
war der Besuch der Hollywood Bowl am 4. Juli, dem amerikanischer
Nationalfeiertag. Von Bildern her kennen sicher die meisten
diesen grossen Konzertpavillon in den Hügeln von Los Angeles. Am
Eingang des Parks steht: „Dies ist das grösste Amphitheater der
Welt“, es bietet Platz für 18.000 Personen und war an diesem
Abend total ausgebucht!“ Gefeiert wurde nebst dem
Nationalfeiertag auch das 50-jährige Bestehen von Disneyland.
Das Zusammenspiel der Dämmerung am Horizont mit einer frischen
Brise Wind, das randvolle Amphitheater und die ständig
wechselnde Beleuchtung des Pavillons, das imposante Feuerwerk
und auf der Bühne das 80 Personen starke Symphonieorchester mit
zusätzlichem 40 Sänger starkem Chor, all dies sorgte für einen
wirklich ganz besonderen Eindruck. Beachtenswert war auch der überall gegenwärtige amerikanische Patriotismus an dieser Nationalfeiertags-Veranstaltung, die Fotos sprechen für sich!