REPORTAGE 068

TUTTI bedeutet, alle Register ziehen. Aber was hat denn TUTTI mit dem Orgel-Herbstfest in Degersheim zu tun? Sehr viel, denn deswegen sind so viele Leute zum Fest gekommen. Um beim Orgelfestival in Degersheim am 23. Oktober ein volles Haus zu haben musste ich auf TUTTI gehen, oder mit anderen Worten „sämtliche Register“ ziehen.

Orgelfest Degersheim - eine Nachlese

Schon im Heft Nr. 64  im Bericht über das Konzert von Kevin Morgan hatte ich erwähnt, dass ich viele Register gezogen habe um keine Enttäuschung zu erleben. Aber diesmal waren es noch mehr Register, also TUTTI – TUTTI. Ich habe wirklich alles, was sich in meinem Adressbuch befindet angeschrieben oder angerufen, ohne Rücksicht darauf, wer überhaupt etwas mit Orgel oder sonst irgendwie mit Musik zu tun hat. Einfach jeden. Zum Beispiel zum Eintrag: Versicherungsinspektor. Nun, wieso nicht ? Auch ihm konnte ich es schmackhaft machen. Letztes Mal konnte ich meinen Automobilverkäufer begeistern, und siehe da, auch er kam dieses Mal wieder und hat sogar noch einen anderen Automobilverkäufer mitgebracht; alle mit Ehefrau wohlverstanden. Aber es gibt ja nicht nur das kleine Adressbüchlein; da gibt es doch noch Listen wie z.B. die der letzten Klassenzusammenkunft. Und auch hier war das Echo positiv! Und dann noch ein bisschen mehr nachdenken, wer sonst noch in Frage käme. Ja, z.B. Ausländer, die sich in unserem Land aufhalten und etwas Besonderes suchen. Da wären doch sicher Engländer oder Amerikaner interessiert, was wir mit ihrer ehemaligen Kultur hier so machen. Also nichts wie los und den English Club, den Womens Club, den Expatriate Circle, usw. eingeladen. Jetzt, wo ich den Artikel schreibe sage ich mir: das nächste Mal noch mehr Register ziehen! Es muss noch mehr Möglichkeiten geben Leute zu finden, die nicht nur diesmal zum Konzert kommen, sondern vielleicht auch in Zukunft wiederkommen, vielleicht eine neue Fangemeinschaft bilden.

Warum schreibe ich all dieses? Ist das scheinbare Desinteresse der Öffentlichkeit an der Orgel nicht häufig einfach nur ein Problem mangelnder Kenntnis? Wenn man die Leute anspricht und informiert über das, was dort „abgeht“ bei einer solchen Veranstaltung, erreicht man meist sehr positive Resonanzen. Und ein volles Haus ist nicht nur in finanzieller Hinsicht eine angenehme Angelegenheit, sondern trägt auch sehr viel zu einer guten Atmosphäre bei. Ein volles Haus bringt bedeutend mehr Stimmung. Die Künstler sind stimuliert, ihr Bestes zu geben, und unter dem Publikum wirkt die Begeisterung ebenfalls ansteckend. Man stelle sich vor, man würde in ein Theater gehen, um vielleicht ein bekanntes Musical zu sehen, und da wären in einem vielleicht 500 Plätze fassenden Auditorium nur 50 Leute anwesend. Das schönste Musical würde nur blass in Erinnerung bleiben. Ich möchte mich mit diesen Gedanken auch ein bisschen an die ewigen Jammerer wenden; diejenigen, welche sagen, es gäbe immer weniger Leute welche in Unterhaltungsorgel-Konzerte zu locken wären. Und wenn, dann wären es immer nur die gleichen paar Enthusiasten. Es liegt bei uns Orgelfans, das nur scheinbar Unmögliche umzusetzen und auch aus Nichtkennern eben zukünftige Orgel-Enthusiasten zu machen.

Ich habe die Veranstaltung in der Degersheimer Deam Factory von Grund auf aufgebaut. Die meisten Leute wissen ja nicht einmal wo Degersheim liegt. Zwei Theaterorgel Konzerte habe ich bis dahin organisiert; mit schon recht ansehnlichen Besucherzahlen. Aber dieses Herbstfest am 23.10.05 hat den Rahmen gesprengt. Über 300 Besucher sind gekommen; ein außerordentlicher Erfolg. Zur Einstimmung erfreute das Trio „Stride & Swing“ an Klavier, Bass und Klarinette mit schönen und bekannten Titeln aus der Swingzeit der 30er und 40er Jahre die eintreffenden Gäste (Bild oben). Dieses Frühschoppenkonzert - wenn auch komplett ohne Orgel - hat das Festival so richtig eingeläutet. Altbewährter Swing brachte die eintreffenden Gäste schnell in die richtige Stimmung. Nach dem Mittagessen servierten die Organisatoren dann 3 ganz verschiedene Orgelkonzerte. Auf der Wurlitzer-Theaterorgel konzertierte Len Rawel aus England. Für einige der Zuhörer war es das erste Mal dass sie ein Konzert live auf so einer Theaterorgel gehört haben. Zu Kaffee und Kuchen spielte anschließend Tommy Schneider auf seine ruhige und angenehme Art Jazz, Swing, Blues und Latin-Melodien auf der legendären Hammond B3, begleitet von seinem Schlagzeuger H.P. Bartsch. Und zum Schluss zündete DirkJan Ranzijn sein musikalisches Feuerwerk auf der Böhm Sinfonia 500 und begeisterte seine Freunde einmal mehr mit vielen schönen Melodien aus allen Stilrichtungen.

Es war ein abwechslungsreicher und interessanter Tag. Und es hat sich doch gelohnt, den für viele doch recht weiten Weg auf sich zu nehmen. Die Orgelfans sind ja fast wie eine Familie, auf solchen  Anlässen trifft man neben den immer auch vorhandenen neuen Gesichter immer wieder alte Freunde. Da gibt es dann vieles zu erzählen und zu fachsimpeln, oder man freut sich einfach, diesen oder jenen Orgelfreund wieder einmal zu sehen und zu plaudern. Nebenbei gab es in der Dreamfactory viele Raritäten und Sammlerstücke zu bewundern. Und das Intermezzo mit dem Bauchredner Retonio und Toni brachte eine weitere Abwechslung ins Programm.

An dieser Stelle möchte ich ganz speziell den Leitern der Orgelclubs für ihre Unterstützung danken. Die Orgelclubs werden natürlich immer die Basis bleiben, aber ihr Potential allein ist zu gering, um große Säle zu füllen. Wir müssen wirklich unbedingt eine zusätzliche Fangemeinschaft bilden, die ja dann auch den verschiedenen Clubs vielleicht wieder neue Freunde zuführt. Ich bedanke mich bei OKEY für die Unterstützung mit ganzseitigen Hinweisen auf das Orgel-Herbstfest. Auch herzlichen Dank an alle, welche an mein ehrgeiziges Ziel geglaubt und mich dabei tatkräftig unterstützt haben. Das Konzept vom eintägigen Festival war ein Volltreffer. Alle waren begeistert. Diese Großveranstaltung zu organisieren, war mit viel Mühe und Arbeit verbunden, aber es hat sich gelohnt. Das Resultat ist der Beweis, ebenso wie die vielen E-Mails von Besuchern, welche sich bedankten und mitteilten, sie würden sich jetzt schon auf die nächste Veranstaltung freuen. Diese findet am Samstag, 22.April 2006, statt. Dann wird uns der Starorganist Jelani Eddington aus den USA mit seinem Programm begeistern. Weitere Infos finden Sie in der nächsten OKEY.

 

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